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'Die beste Hilfe ist die, die bereits vor Ort ist'

Interview mit der Nothilfe-Expertin Cat Carter

„Wenn ich Bereitschaftsdienst habe, liegt nachts das Telefon auf meinem Kopfkissen“, sagt Cat Carter. Die 30-jährige Kommunikationsexpertin aus London ist Teil des internationalen Nothilfe-Teams von Save the Children und berichtet aus akuten Krisengebieten – etwa nach dem Taifun Haiyan von den Philippinen. Im Interview erläutert sie, was für die schnelle Nothilfe in den ersten Stunden und Tagen wichtig ist.

Wenn irgendwo auf der Welt die Erde bebt, Familien vor bewaffneten Kämpfen fliehen oder ein Wirbelsturm Dörfer und Städte verwüstet – wie erfährt Save the Children davon?
Unser Nothilfe-Team ist rund um die Uhr im Einsatz und verfolgt verschiedene Warnsysteme: Informationen von Regierungsbehörden, Nachrichtenagenturen oder spezifischen Frühwarnsystemen wie das Global Disaster Alert Co-ordination System (GDACS): ein System, in dem die Vereinten Nationen, die Europäische Union und verschiedene Hilfsorganisationen Informationen über drohende Naturkatastrophen sammeln und auswerten. Droht eine humanitäre Krise, meldet das System „Alarmstufe rot“.

Auch gewaltsame Konflikte oder zum Beispiel eine Dürre entstehen ja nicht über Nacht – wir beobachten die Lage genau und haben häufig Vorkehrungen getroffen, lange bevor die Medien über eine Krise berichten. Unsere lokalen Mitarbeiter spielen dabei eine wichtige Rolle, denn sie haben den direkten Draht vor Ort.

Was passiert bei „Alarmstufe rot“?
Akute Nothilfe-Einsätze werden bei Save the Children international koordiniert. Wir kontaktieren sofort das Team in der Region – das gibt es fast immer, denn Save the Children arbeitet in 120 Ländern weltweit. Wir tragen alle notwendigen Informationen zusammen: Welche Vorkehrungen wurden bereits getroffen, welche sind notwendig, sind die Menschen vor Ort gewarnt? Beispiel Philippinen: Wir wussten durch das Frühwarnsystem vom Taifun und konnten vorab unser zentrales Lager in Dubai informieren, um die wichtigsten Hilfsgüter in ausreichenden Mengen bereitzustellen. Außerdem haben wir noch vor der Katastrophe ein Experten-Team in das Gebiet geschickt, das den Vorhersagen nach am meisten betroffen sein würde. Wartet man zu lange, kann es Tage dauern, bis die Mitarbeiter ankommen, denn häufig sind die Transport- und Kommunikationswege zerstört. Aber wer bereits vor Ort ist, kann sofort helfen, und das ist die beste Hilfe.

Wer sind die Mitarbeiter, die ins Katastrophengebiet fliegen?

Wir haben ein festen Pool mit Hunderten Mitarbeitern weltweit, die auf verschiedene Aspekte der Nothilfe spezialisiert sind: Ärzte und Krankenschwestern, Logistiker, aber auch Ingenieure, Experten für Kinderschutz, für Personalmanagement, für Ernährung, für Wasser- und Sanitäranlagen. Alle verfügen über langjährige Erfahrung. Sie helfen nach großen Katastrophen, über die auch hier die Medien berichten, aber auch in den vielen weniger prominenten humanitären Krisen, die vielleicht lokal begrenzt, aber nicht weniger dramatisch sind: Das kann ein Cholera-Ausbruch sein, eine Flut, ein gewaltsamer Konflikt, eine Hungerkrise … 119-mal war das Katastrophen-Team von Save the Children im vergangenen Jahr im Einsatz.

Wie sieht die Hilfe in den ersten Tagen aus?
Die ersten Stunden und Tage sind entscheidend, um so viele Leben wie möglich zu retten. Wir starten daher sofort. Meist wird anfangs vor allem medizinische Hilfe benötigt, aber auch Nahrung, Unterkünfte, Trinkwasser oder Wasserreinigungstabletten. Die Hilfsgüter sind grundsätzlich in sogenannten Kits organisiert, fertigen Paketen, die alles Wichtige für die jeweilige Notlage enthalten. Auf den Philippinen haben wir zum Beispiel von Anfang an Haushalts-Kits verteilt: mit Schlafmatten, Decken, Kerzen und Streichhölzern, außerdem Werkzeug-Kits mit Planen, einer Axt, Säge, Hammer und Nägeln, um zerstörte Hütten zu reparieren oder aus Trümmern zumindest Notbehausungen zu schaffen.

Parallel erkunden wir gemeinsam mit Experten anderer Organisationen die betroffene Region. Wir befragen Verantwortliche wie Dorfälteste, aber auch die Familien: Gibt es ausreichend Lebensmittel, sauberes Trinkwasser oder sind die Quellen verunreinigt? Wie viele Kinder leben im Dorf? Haben sie noch ein Dach über dem Kopf? Was wird am dringendsten benötigt? Dabei denken wir aber auch längerfristig: Wie können wir so helfen, dass die Menschen so schnell wie möglich wieder selbst für sich sorgen können? Können wir Hilfsgüter vor Ort kaufen, um den lokalen Markt zu stärken? All das berücksichtigen wir bei der Planung der Hilfe.

Das klingt sehr systematisch …
Ja, aber die Herausforderungen sind riesig und die Teams arbeiten in solchen Situationen rund um die Uhr. Nach großen Katastrophen ist oft die ganze Infrastruktur zerstört, Straßen sind unpassierbar, die See- und Flughäfen nicht benutzbar – wie anfangs auf den Philippinen. Dann nutzen wir jede Möglichkeit, um zu den Menschen zu kommen, ob mit Lastwagen, Schiffen, kleineren Flugzeugen. Nach dem Taifun gab es auch keinen Strom und kein funktionierendes Telefonnetz. Um die Hilfe zu organisieren, brauchen wir Satellitentelefone, Stromgeneratoren, einen mobilen Satellitenzugang fürs Internet. Und auch das funktioniert nicht immer problemlos. Man muss sich aufs Wichtigste konzentrieren und flexibel sein.

Bei großen Katastrophen sind meist viele Hilfsorganisationen vor Ort. Wie sorgt man dafür, dass sie effizient helfen und sich nicht gegenseitig blockieren?
Indem sich alle gut miteinander abstimmen. Wir arbeiten immer eng mit anderen Organisationen zusammen und entscheiden nach einer Erkundung gemeinsam, wer wo welche Aufgaben übernimmt. Klar ist: Unser Schwerpunkt liegt auf der Hilfe für Kinder, andere haben sich zum Beispiel auf das Thema Wasserversorgung oder die Nahrungsmittelverteilung spezialisiert. Kommunikation ist wichtig, damit möglichst alle Bedarfe abgedeckt werden. Um das Zusammenspiel der humanitären Organisationen kümmert sich auch ein Koordinator der Vereinten Nationen, zudem übernehmen einzelne Hilfsorganisationen zu bestimmten Themen die Führung. Save the Children ist hier häufig für den Bereich Bildung verantwortlich, wenn es also darum geht, wie Kinder auch in Krisen weiter lernen und wieder zur Normalität zurückfinden können.

Wie sorgt Save the Children nach einer Katastrophe speziell für die Kinder?
Wir achten schon bei der ersten Nothilfe darauf, dass sie für Kinder geeignet ist. Das fängt zum Beispiel damit an, dafür zu sorgen, dass die Hähne an den Trinkwasserstellen nicht zu groß für Kinderhände sind. Auch medizinisches Material wie Beatmungsschläuche muss ausreichend in kleinen Größen vorhanden sein. Zudem brauchen Kinder in akuten Krisen besonderen Schutz und eine Anlaufstelle, etwa, wenn sie im Chaos einer Katastrophe ihre Eltern verloren haben. Das andere sind die seelischen Bedürfnisse der Kinder, denn sie sind keine kleinen Erwachsenen: Sie erleben Katastrophen auf ihre Art, haben vielleicht Schuldgefühle oder verarbeiten traumatische Erfahrungen und Verluste anders als Erwachsene. Zudem müssen die Eltern in den ersten Tagen vor allem fürs Überleben sorgen und können sich kaum um die Kinder kümmern. Um hier zu helfen, sind die „kinderfreundlichen Räume“ da, die Save the Children möglichst schnell in allen Krisengebieten einrichtet.

Aus den Krisengebieten der Welt zu berichten, stelle ich mir sehr belastend vor – warum tust du es dennoch?

Es stimmt, bei den Einsätzen ist man oft hautnah mit dem Schlimmsten konfrontiert, was Menschen erleiden oder auch einander antun. Aber genau darüber zu berichten und den Kindern eine Stimme zu geben, ist wichtig! Zugleich sehe ich auch viel Schönes: wie Familien in Krisen zusammenhalten und sich gegenseitig wieder auf die Beine helfen. Oder wie Kinder selbst unter den widrigsten Umständen nicht ihre Fantasie und ihre Lebensfreude verlieren. In einer Katastrophe geht es darum, möglichst schnell möglichst vielen Menschen beim Überleben zu helfen, und das geht nur dank vieler Spender und Unterstützer. Und wir sind es ihnen schuldig, zügig und transparent zu über die Nothilfe zu berichten.