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Publisher Save the Children23.11.2018

Afghanistan – „Angst ist ein ständiger Begleiter.“

Gewalt, Korruption und Wasserknappheit dominieren das Leben im Bürgerkriegsland Afghanistan. Unsere Advocacy-Leitung Dr. Meike Riebau erklärt im Interview, warum vor allem Kinder nicht sicher sind und was Save the Children unternimmt, um diese Kinder zu schützen.

1. Was ist die Situation für Kinder in Afghanistan und welchen Herausforderungen begegnen sie täglich?

Dr. Meike Riebau: Kinder stehen täglich vor einer Vielzahl an Herausforderungen, die alle Lebensbereiche betrifft. Es fängt damit an, dass die Grundbedürfnisse nicht gesichert sind. Nach ausbleibenden Regen- und Schneefällen im letzten Winter herrscht in vielen Gebieten Wasserknappheit und die langfristigen Folgen dieser Dürre gefährdet die Lebensmittelversorgung von mindestens zwei Millionen Afghanen. Hinzu kommt, dass Afghanistan ein Bürgerkriegsland ist, in dem Gewalt und Konflikte an der Tagesordnung stehen. Viele Kinder erleben Dinge, die kein Kind je erleben sollte. Uns haben viele Kinder von Anwerbungsversuchen als Kindersoldaten berichtet. Sie wurden u.a. für Kämpfe in Syrien rekrutiert.

2. Für den Bericht ‚Rückkehr ins Ungewisse‘ habt ihr in den vergangenen Monaten mit 57 aus Deutschland und anderen europäischen Staaten zurückgekehrten Kinder und Jugendlichen gesprochen. Was hat dieser Bericht gezeigt?

Dr. Meike Riebau: Der Bericht hat gezeigt, dass die Kinder und Jugendlichen zahlreichen Gefahren ausgesetzt sind. Obwohl sie in die vermeintlich sicheren Provinzen zurückgekehrt sind, wurden sie Zeugen von Anschlägen oder wurden als Kindersoldaten rekrutiert. Die Anzahl der Kinder, die zur Schule gehen, ist ebenfalls sehr gering. Mädchenschulen sind für viele der terroristischen Gruppierungen ein beliebtes Anschlagsziel – darum gehen Mädchen entweder gar nicht in die Schule oder leben unter ständiger Angst. Aufs Lernen kann sich so niemand konzentrieren.

Außerdem müssen wir uns vor Augen führen, dass einige der zurückgekehrten Kinder und Jugendlichen noch nie vorher in Afghanistan waren. Sie sind hier in Europa aufgewachsen, für sie ist alles fremd und der Schock sehr groß ob der Lebensrealität der Menschen dort. Fast keines der Kinder wurde auf die Rückkehr vorbereitet und vor Ort haben sie keine Ansprechpersonen. Das ist sehr erschütternd. Die Kinder dürfen nicht sagen, dass sie aus Europa gekommen sind, denn das Stigma ist zu groß und sie haben Angst vor Diskriminierung

3. Was ist der Unterschied zwischen einer Rückführung und einer sogenannten freiwilligen Rückkehr?

Dr. Meike Riebau: Bei Rückführungen entscheidet der Staat, dass die Person nicht mehr in dem Land bleiben darf, in dem sie Asyl gesucht hat. Die Person bekommt einen Bescheid und ein Datum, bis wann sie das Land verlassen haben muss. Bei den sogenannten freiwilligen Rückkehrungen entscheiden die Personen zum Beispiel im Laufe ihres Asylverfahrens, dass sie zurückkehren wollen. Diese Rückkehr wird finanziell unterstützt und je früher sich eine Person dafür entscheidet, desto höher fällt die finanzielle Unterstützung aus. Wir kritisieren, dass es im ganzen Prozess des Rückkehrverfahrens große Schutz- und Sicherheitslücken gibt und die Rechte der Kinder und Jugendlichen, die unter anderem die UN-Kinderrechtskonvention garantiert, missachtet werden.

4. Was tut Save the Children?

Dr. Meike Riebau: In Afghanistan arbeiten wir vor allem mit den Kindern, die innerhalb des Landes geflohen sind, denn die Kinder, die es nach Europa geschafft haben, sind ganz klar in der Minderheit. Vor allem die Nachbarländer Pakistan und Irak haben Familien aus Afghanistan aufgenommen, jedoch werden auch hier viele Menschen wieder zurückgeschickt. Save the Children hat viele Bildungsprogramme vor Ort, die sich an ALLE Kinder richten.

In Deutschland arbeiten wir auf politischer Ebene. Unser Ziel ist es, einen kohärenten Prozess zu initiieren, in dem Kinder gehört werden, in dem Kinderrechte mitgedacht und die Kinder auf das Land vorbereitet werden, in das sie zurückkehren sollen.

5. Save the Children hat eine Petition gestartet, in der ein Stopp der Rückführungen von Kindern nach Afghanistan gefordert wird. Warum ist es wichtig, diese Petition zu unterschreiben?

Dr. Meike Riebau: Afghanistan ist kein sicherer Ort - schon gar nicht für Kinder und diese Kinder sind dort eine unsichtbare Gruppe. Wir alle können helfen, dass sie Gehör finden und dafür sorgen, dass der Rückkehrprozess langfristig sicherer wird. Je mehr wir sind, desto lauter sind wir und können zu den Entscheidungsträgern durchdringen.  

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