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Publisher Save the Children10.07.2020Interview

"Genau hinschauen und schnell reagieren"

Nicht immer läuft in unseren Projekten alles wie geplant – aus ganz verschiedenen Gründen. Manchem können wir vorbeugen, auf anderes lediglich reagieren. Lisa Görgen, Leiterin der Internationalen Programme von Save the Children Deutschland, erläutert, wie wir mit unerwarteten Veränderungen umgehen.

Auch auf die Corona-Pandemie mussten unsere Mitarbeiter*innen überall auf der Welt schnell reagieren – wie dieses Team aus Ruanda. © Odette Ntambara / Save the Children

Hinter jedem Projekt von Save the Children steht ein ausgefeilter Plan von der Entwicklung bis zum Projektende. Was kann dazu führen, dass er nicht eingehalten wird?

Lisa Görgen: Viele unserer Projekte helfen in humanitären Krisen, also in oft sehr instabilen Situationen. Dass Dinge da anders laufen als geplant, ist Tagesgeschäft. Natürlich erstellen wir im Vorfeld Risikoanalysen und berücksichtigen sie bei der Planung. Doch oft lässt sich nicht vorhersehen, ob sich beispielsweise in einem Konfliktgebiet die Front verschiebt, ob politische Unruhen sich verstärken oder auch, wie sich Fluchtbewegungen verändern. Das erleben wir zum Beispiel im Jemen immer wieder. 

Es ist daher wichtig, immer wieder genau hinzuschauen: Passt die Planung noch? Wie hat sich die Lage verändert? In vielen Ländern benötigen wir zudem Genehmigungen für die Arbeit in bestimmten Regionen, die regelmäßig erneuert werden müssen. Verzögert sich dies oder werden erwartete Genehmigungen nicht erteilt, müssen wir flexibel darauf reagieren.

Lisa Görgen, Leiterin der Internationalen Programme von Save the Children Deutschland

Gibt es Beispiele aus dem vergangenen Jahr?

Lisa Görgen: Im Norden Myanmars eskalierte im August der Konflikt in unserer Projektregion und wir mussten unsere Mitarbeiter*innen aus Sicherheitsgründen vorübergehend evakuieren. Auch in Syrien waren nach dem Einmarsch der Türkei Planänderungen nötig: Wir haben die Standorte der Hilfe angepasst, um die vielen Familien zu erreichen, die plötzlich fliehen mussten. Und die Menschen hatten nichts zu essen – darauf haben wir natürlich reagiert und Lebensmittel verteilt.

Manchmal können interne Probleme ein Projekt anders laufen lassen als geplant – etwa durch Fehler von Mitarbeitern oder auch Fälle von Korruption oder Betrug.

Lisa Görgen: Das stimmt: Das können wir nicht grundsätzlich ausschließen, auch wenn es zum Glück nicht die Regel ist. Darum ist ein kontinuierliches Monitoring so wichtig – und ein System, das Unregelmäßigkeiten schnell aufdeckt. Auch hier gilt: Wir müssen regelmäßig und genau hinschauen und im Zweifel schnell reagieren und gegensteuern. Passieren Fehler, müssen wir daraus lernen und die Ursachen finden. Und wir nehmen jeden Verdacht auf Vorteilsnahme oder Missmanagement sehr ernst.

Wie sieht das konkret aus?

Lisa Görgen: Weltweit hat Save the Children ein System für alle Projekte entwickelt, mit dem Mitarbeiter sowie Kinder und andere Projektteilnehmer einfach und auf Wunsch anonym Hinweise geben können – auch online. Ein eigenes internationales Team sowie Verantwortliche in den Länderbüros gehen dann jedem Hinweis nach. Die einzelnen Schritte sind dabei genau definiert. Bestätigt sich ein Verdacht, gibt es klare Konsequenzen. Je nach Sachlage reichen sie von Schulungen über Verbesserungen der Struktur bis zu disziplinarischen Maßnahmen oder im Ernstfall auch einer Kündigung und Anzeige bei den zuständigen Behörden. Wir müssen konsequent sein, denn nur so können wir die Qualität unserer Arbeit schützen. Ganz wichtig ist dabei auch, dass alle Beteiligten die Regeln kennen: Mitarbeiter*innen, Partnerorganisationen sowie die Kinder und Erwachsene, die wir unterstützten. Ihnen muss zum Beispiel klar sein, dass sie für unsere Hilfe nichts bezahlen müssen. Denn nur dann können sie es melden, wenn jemand versucht, von ihnen Geld zu bekommen. Oder Mitarbeiter*innen, die Aufträge vergeben, müssen unsere Anti-Korruptions-Regeln nicht nur kennen, sondern auch verstehen, warum sie wichtig sind. Daher informieren und schulen wir in unseren Projekten immer wieder auf ganz unterschiedlichen Wegen.

Wie hat die Corona-Pandemie die Projekte verändert?

Lisa Görgen: Tatsächlich hat sich hier bewährt, dass wir geübt sind mit Umstellungen – als globale Organisation haben wir sehr schnell und koordiniert reagiert. Wir haben viele Projekte angepasst und neue begonnen, während gleichzeitig die Teams so weit wie möglich ins Homeoffice gegangen sind. Viele Bildungsprojekte wurden zum Beispiel in Distanz-Lernprogramme umgewandelt, teils über das Radio, teils übers Internet. Und natürlich haben wir Hygienemaßnahmen verstärkt und sehr schnell mit Aufklärung zur Pandemie begonnen. Sehr hilfreich ist in dieser Situation auch, wie flexibel die Geldgeber die notwendigen Änderungen mittragen. Das Thema wird uns noch lange begleiten und wir werden weiter flexibel bleiben müssen.

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