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HRFFB21FilmfestivalPublisher Save the Children13.09.2021HRFFB21

Interview: Unsere Kommunikationsdirektorin über die Filmauswahl beim HRFFB21

Das Human Rights Film Festival Berlin 2021 findet unter dem Motto "The Art of Change" vom 16. bis zum 25. September statt. Hier gibt Martina Dase, Kommunikationsdirektorin bei Save the Children Deutschland, Einblicke in unsere diesjährige Filmreihe und spricht über die aktuelle Relevanz der gezeigten Werke, vor allem hinsichtlich der akuten Auswirkungen der Klimakrise auf die Rechte von Kindern weltweit.

Ausschnitt aus dem Film "Dear Future Children", eine Sonderveranstaltung von Aktion gegen den Hunger und Save the Children beim Human Rights Film Festival Berlin 2021.

Wie wird das Filmprogramm von Save the Children auf dem HRFFB zusammengestellt? 

Zunächst suchen wir nach Filmen zu Themen, für die sich Save the Children engagiert, wie den Schutz von Kindern in Kriegsgebieten und Katastrophen oder auf der Flucht, Trauma-Verarbeitung oder das Recht von Kindern und Jugendlichen auf Selbstbestimmung und Veränderung. Aber das allein reicht nicht. Wir wollen unseren Zuschauern Filme zeigen, die ein filmisches Ereignis sind, die Gänsehaut auslösen und lange nachhallen. Weil sie filmische Mittel virtuos einsetzen. Weil sie etwas Unbekanntes, vielleicht sogar nie Gesehenes beleuchten. Oder weil sie etwas Bekanntes auf ganz neue Weise darstellen und überraschend umsetzen. Das können auch Filme mit einer poetischen Dimension sein. Solche Filme haben das Potential, Sichtweisen zu ändern. Darauf kommt es uns an.

 

Martina Dase

Martina Dase ist Kommunikationsdirektorin bei Save the Children Deutschland und kuratiert gemeinsam mit der humanitären und entwicklungspolitischen Organisation Aktion gegen den Hunger die Filmreihe von Save the Children beim Human Rights Film Festival Berlin.

Ausschnitt aus dem Film "Imad's Childhood", Teil der Filmreihe von Save the Children beim Human Rights Film Festival Berlin 2021.

Welche Filme erfüllen diesen Maßstab zum Beispiel?

Letztes Jahr war das In My Blood It Runs, im Jahr davor ISIS Tomorrow und Born In Evin. In diesem Jahr zählt  Imad’s Childhood dazu, ein Film über einen kleinen jesidischen Jungen, der im Alter von zwei bis vier Jahren als Gefangener des IS zu einer Kampfmaschine gedrillt wurde. Seinen schmerzhaften langen Weg zurück in eine Art Normalität mitzuerleben, tut weh. Und doch zeigt der Film eindringlich, dass mit viel Geduld, Liebe und Aufmerksamkeit auch eine verheerend beschädigte Seele heilen kann. Mich erinnert das an den großartigen Spielfilm Systemsprenger. Nur dass es hier um eine reale Kinderbiografie geht und Imad nur ein Kind von Tausenden mit ähnlich grausamen Schicksalen ist. Diese Einblicke, diese Nähe: Das schafft nur der Dokumentarfilm. 

Warum macht eine NGO wie Save the Children überhaupt bei einem Filmfestival mit?

Wir machen Medien- und Öffentlichkeitsarbeit für unser Anliegen und sind im engen persönlichen oder digitalen Dialog mit unseren Spendern, mit politischen und anderen Stakeholdern. Der Kanon unserer Kommunikation ist vielseitig - und doch manchmal begrenzt. Mit einer stimmigen Filmauswahl, die ein interessiertes Publikum erreicht, können wir unmittelbar etwas bewirken. Denn Filme berühren wie kein anderes Medium unser „emotionales Gehirn“. Das filmische Storytelling, also das Zusammenwirken kunstvoll verwobener Ebenen wie Bild, Ton, Text und Musik in der Montage, erreicht uns tief und nachhaltig. In den anschließenden Gesprächen mit den Machern oder Experten vertiefen wir diese intensiven Eindrücke - ein Gegenmittel für unsere reizüberflutete Zeit. Daher ist die Zusammenarbeit mit dem HRFFB für uns eine so wichtige Ergänzung unserer Arbeit. 

Welche Filme zeigen Sie in diesem Jahr außer Imad’s Childhood?

Insgesamt zeigen wir fünf Werke, die auf unterschiedlichste Weise das diesjährige Motto unserer Reihe beleuchten, "The Right To Change" - das ist die für uns passende Abwandlung des Festivalmottos und der Titel unserer Programmschiene. Alle, auch Kinder und Jugendliche, haben das Recht, ihre Lebenssituation zu verändern, wenn sie bedrückend ist. So nimmt Wandering uns mit in die ganze Perspektivlosigkeit der Rohingya im weltgrößten Flüchtlingslager in Bangladesch. Wir sehen, wie die Geister der Vergangenheit und die Erfahrungen brutaler Gewalt und Vertreibung die Geflüchteten immer noch heimsuchen. Wir erleben aber auch, welche kleinen Fluchten Kinder selbst hier ihrem trostlosen Alltag abzutrotzen vermögen.  

Besonders hervorheben möchte ich auch "Shadow Games", der Jugendliche aus Afghanistan und Syrien, Sudan und Pakistan, dem Iran und Irak auf ihrer Flucht über die Balkonroute begleitet. Dieser Film ist intensiver als viele andere, die wir zu diesem Thema schon gesehen haben: Vielschichtig, mit vielen Cliffhangern und einem mitreißenden Soundtrack oszilliert er zwischen Verzweiflung, Todesgefahr und Abenteuertrip. Das ist unbedingt sehenswert.

Der Film "Dear Future Children", der in einer Sondervorstellung gezeigt wird, spielt an vorderster Front der Klimaproteste. Weshalb leiden Kinder und Jugendliche am meisten unter der Klimakrise?

Kinder können sich nicht selbst versorgen, sie sind darauf angewiesen, dass wir ihnen eine Entwicklung ermöglichen. Durch die von der Klimakrise verursachten Katastrophen werden sie jedoch häufig von elementaren Zugängen abgeschnitten. Ihnen fehlen notwendige Lebensmittel und sauberes Trinkwasser, ihre Gesundheit und ihre Bildung stehen auf dem Spiel. In Somalia muss ein Mädchen dann im Zweifel wieder Holz sammeln, statt zur Schule zu gehen - und das Risiko vermeidbarer Krankheiten steigt. Kinder sind am längsten von den Folgen der Klimakrise betroffen, die an Wucht nur noch zunehmen wird. So zahlen die Jüngsten den höchsten Preis, obwohl sie am wenigsten für die Krise verantwortlich sind.

Ausschnitt aus dem Film "Wandering. A Rohingya Story", Teil der Filmreihe von Save the Children beim Human Rights Film Festival Berlin 2021.

Ist die Forderung von Save the Children, Kinder an den Entscheidungsprozessen zum Weltklima zu beteiligen, denn durchsetzbar?

Ich finde sie sogar "alternativlos". Die heutige UN-Kinderrechtskonvention geht auf die Vision und einen Urtext von Eglantyne Jebb zurück, die unsere Organisation 1919 gegründet hat. Wir knüpfen also an unsere über 100-jährige Mission an, wenn wir an ihre Ziele erinnern: Kinder haben weitreichende Rechte, die wir verletzen. 

Darüber hinaus ist es bewegend zu sehen, wie immer mehr Kinder und Jugendliche die Politik zum Handeln drängen. Bewegend und beschämend für uns Erwachsene. Deshalb unterstützen wir auch die Klage von sechs portugiesischen Kindern gegen die Staaten mit der größten CO2-Emission.  

Kinder haben das Recht auf eine lebenswerte Zukunft. Und Eglantyne Jebb hat gezeigt, dass historische Veränderungen möglich sind. 

Wie passt die Filmreihe von Save the Children zum Motto des diesjährigen Festivals?

"The Art of Change" ist das perfekte Motto für dieses Jahr. Ich glaube, nichts ist heute dringlicher als die Kunst, echte und dauerhafte Veränderung zu bewirken. Unsere Welt ist von vielfältigen, einander verstärkenden Krisen geschüttelt. Kriege und Konflikte, die COVID-Pandemie, die Klimakrise, all das bedroht uns. Vor allem Kinder sehen einer düsteren Zukunft entgegen, wenn wir als Weltgemeinschaft keine radikale Umkehr ansteuern. 

Aber "die Weltgemeinschaft" ist ein Abstraktum. Veränderung beginnt bei jeder und jedem einzelnen. Die jungen Protagonisten unserer Filme stehen an einem entscheidenden Wendepunkt: sich in Ohnmacht und Perspektivlosigkeit zu ergeben oder aber ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Wir begleiten sie auf ihrem mal zähen, mal rebellischen Weg hin zu einer neuen Freiheit. Jede und jeder einzelne wendet dabei seine eigene Strategie der "Kunst der Veränderung" an, um zu überleben oder sich eine bessere Zukunft zu sichern. Das gibt Mut, Energie und inspiriert hoffentlich auf der ganzen Linie.

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