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Publisher Save the Children14.06.2018

Jemen: Die Kunst des Nicht-Vergessens

Millionen Menschen auf der Welt leben in sogenannten "vergessenen Krisen". Humanitäre Krisen, die sich oft über viele Jahre erstrecken und dennoch kaum Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit bekommen. Auch im Jemen herrscht ein solcher vergessener Konflikt.

Mehr als 22,2 Millionen Menschen, darunter 11,3 Millionen Kinder, sind im Jemen von humanitärer Hilfe abhängig. © Muhammad Awadh / Save the Children

Seit mehr als drei Jahren bekämpfen sich dort schiitische Huthi-Rebellen und eine von Saudi-Arabien geführte Militärallianz - mit fatalen Folgen. 8,4 Millionen Menschen sind von einer Hungersnot bedroht, 22,2 Millionen Menschen abhängig von humanitärer Hilfe, darunter 11,3 Millionen Kinder. „Im Jemen passiert die weltweit größte humanitäre Katastrophe“, sagt unsere Geschäftsführerin Susanna Krüger, die im Mai von uns geführte Projekte im Jemen besuchte. „Trotzdem spricht kaum jemand darüber.“ Warum?

+ Angriff auf Hodeidah +

  • Die jemenitische Hafenstadt Hodeidah wird seit dem 13. Juni von der saudisch geführten Militärkoalition angegriffen. Die Stadt ist in der Hand der Houthi
  • Der Hafen Hodeidah ist wichtiger Umschlagplatz für Lebensmittel, Medikamente und andere Hilfslieferungen. Von dort aus werden 70 Prozent aller Hilfslieferungen für die notleidende Bevölkerung verteilt
  • In Jemen sind 22 Millionen Menschen auf humanitäre Hilfe angewiesen
  • Save the Children arbeitet in Hodeidah in einem Gesundheitszentrum und einer temporären Schule

Letzte Woche trafen sich im Auswärtigen Amt Vertreter der Presse, Politik und Zivilgesellschaft, um genau diese Frage zu diskutieren. Die Veranstaltung war Teil der Initiative #nichtvergesser, ein Zusammenschluss von internationalen Hilfsorganisationen, die gemeinsam mit dem Außenministerium auf vergessene humanitäre Krisen aufmerksam macht. Als Kinderrechtsorganisation gehören auch wir zur Initiative.

Konflikte sind weit weg

Ausgeblendet. Warum machen einige humanitäre Krise keine Schlagzeilen?- so lautete der Titel der Podiumsdiskussion. Alle Panelteilnehmer*innen waren sich einig: Selbstverständlich sei es wichtig, über die Konflikte zu berichten. Laut Lutz Haverkamp, Leitender Redakteur Nachrichten beim Berliner Tagesspiegel, finden die meisten Krisen heutzutage allerdings auch deswegen wenig Gehör, weil die Masse der Zuschauer*innen und Leser*innen schlichtweg nicht interessiert sei. Denn die Konflikte passieren weit von ihnen entfernt. Das mache es auch Medien oft schwer, Mitgefühl zu erzeugen und Relevanz zu schaffen. Um genau diese Hürde zu überwinden, müssten Reporter*innen die Gelegenheit haben, angemessen und qualitativ hochwertig über die Konflikte berichten zu können. Dazu gehören Reisen in die Länder, gute Recherchen und aussagekräftige Bilder. Und all diese Dinge seien oft zu teuer, sagt der Journalist.

Die Konflikte passieren weit von uns entfernt. Das macht es den Medien oft schwer, Mitgefühl zu erzeugen.

Um ihre Arbeit zu tun, bestreiten auch unsere Mitarbeiter*innen im Jemen ihren Alltag in einer ständigen Ausnahmesituation. Gebiete sind oft nicht zugänglich. Es ist zu gefährlich, sich frei zu bewegen.

Auch Journalist*innen stehen vor diesen Herausforderungen. Ohne die Unterstützung von Organisationen vor Ort ist es meistens überhaupt unmöglich, in die Länder einzureisen. Zudem würden in vielen Redaktionen heutzutage die Kapazitäten fehlen, um die schiere Menge an Krisen abzudecken, fügte die Fernsehjournalistin Dr. Antonia Rados hinzu.

Stefan Kornelius, Außenpolitikchef bei der Süddeutschen Zeitung, betonte, dass die Dichte und Komplexität der Krisen die Öffentlichkeit mittlerweile überfordert. Dadurch erzeuge man mit seiner Berichterstattung unter Umständen auch genau den gegenteiligen Effekt, den man als Journalist*in erreichen wolle. Anstatt Verständnis zu schaffen, verwirre man nur noch mehr.
Und trotzdem ist es notwendig, diesen Balanceakt zu bestreiten.

Durch den Krieg im Jemen sind mittlerweile 22,2 Millionen Menschen abhängig von humanitärer Hilfe. Trotzdem findet der Konflikt wenig Aufmerksamkeit in den Medien. © Mohammed Awadh / Save the Children

Entwicklungen und Lösungsansätze diskutieren

Denn um sich für Menschen- oder Kinderrechte einsetzen zu können, brauchen politische und zivilgesellschaftliche Akteure das Verständnis und die Unterstützung der Öffentlichkeit für die schwierige Arbeit und Situation vor Ort. Dies machten besonders Dr. Bärbel Kofler, Beauftragte der Bundesregierung für Menschenrechtspolitik und Humanitäre Hilfe, sowie Anke Reiffenstuel, Leiterin des Referats für Humanitäre Hilfe und Humanitäres Minenräumen im Auswärtigen Amt, deutlich. Anstatt nur über die langjährigen Konflikte zu berichten, ist es deswegen auch wichtig, Entwicklungen und Lösungsansätze zu diskutieren. Eine Aufgabe, der sich die Medien viel öfter stellen sollten und müssten. Letztendlich geht es um die Schicksale tausender Menschen, die ein Recht darauf haben, nicht vernachlässigt zu werden.

Mit Berichten aus unseren Projekten vor Ort versuchen wir, die Öffentlichkeit über die Situation in den Konfliktländern zu informieren und besonders Kindern Gehör zu schaffen. Diese Arbeit ist oft schwierig und gefährlich. Um sie zu tun, braucht es gebündelte Unterstützung – von den Medien, der Politik und der Zivilgesellschaft. Gemeinsam mit den Unterstützern der Initiative #nichtvergesser appellieren wir dafür, die betroffenen Länder und Menschen trotz der vielfältigen Herausforderungen nicht mehr zu vergessen.

Zur Autorin: Franziska Seitz ist Campaigns Managerin im Advocacy & Policy Team bei Save the Children Deutschland e.V.

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