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Publisher Save the Children16.04.2019

Nepal – ein Jahr nach dem Erdbeben

Nur eine Minute brauchte ein Erdbeben der Stärke 7,8, um 600.000 Häuser dem Erdboden gleichzumachen. Eine Minute reichte aus, um zahlreiche Gesundheitsstationen, Schulen und heilige Denkmäler zu zerstören, die dem Zahn der Zeit zuvor über 500 Jahre lang getrotzt hatten.

Diese Minute ereignete sich um 11.56 Uhr am 25. April 2015. Es war ein Samstag. Schwere Erdbeben wie dieses seien in Nepal unvermeidbar, heißt es. Im Schnitt passiere es alle 80 Jahre.

Glück, dass es ein Samstag war

Mir wurde gesagt, dass es ein glücklicher Zufall war, dass dieses Beben ausgerechnet auf einen Samstag fiel: dem einen Tag in der Woche, an dem die Kinder nicht zur Schule gehen, an dem Hochzeiten im Freien stattfinden und die Menschen sich auf ihren Feldern aufhalten, um sich um die Ernte zu kümmern.

Ein glücklicher Zufall, dass tausende Kinder sich nicht in den Schulgebäuden aufhielten. Ein glücklicher Zufall auch, dass tausende Erwachsene sich nicht in ihren Bürogebäuden aufhielten. Wäre es anders gewesen, hätte es womöglich weit mehr als 9.000 Todesopfer gegeben.

Ein starker Gemeinschaftsgeist

Von einem glücklichen Zufall würde man im Zusammenhang mit einem Erdbeben normalerweise nicht sprechen. Aber hieran wird das Wesen der Nepalesen deutlich: ihre Widerstandskraft und ihre positive Grundeinstellung. Ihr Gemeinschaftsgeist. Immer wieder habe ich Menschen getroffen, die bei dem Beben alles verloren haben: ihr Zuhause, ihre Kleidung, manchmal geliebte Menschen. Wenn ich sie nach dem Erdbeben fragte, antworteten viele von ihnen, dass sie nicht nur bestürzt über ihren eigenen Verlust seien, sondern ebenso über die Verluste der anderen.

Psychische Nachbeben

Das Erdbeben hat bei vielen Kindern auch psychische Wunden hinterlassen. So berichten mir Lehrer, die in unseren temporären Lernzentren arbeiten, dass viele Kinder noch immer bei jedem kleinen Geräusch zusammenschrecken. Da Kinder ihre Traumata oftmals nicht so gut in Worte fassen können wie Erwachsene, helfen wir ihnen mit kunsttherapeutischen Ansätzen dabei, ihre Ängste und Sorgen auszudrücken.

Der dreizehnjährige Schüler Dipesh hat mir erzählt, dass ihm zum Beispiel Übungen wie Yoga und Meditation, die nach dem Erdbeben in den Stundenplan aufgenommen wurden, seine Nervosität nehmen konnten.

Das Leben nach dem Beben

Ich habe Dipesh in einem Dorf hoch in den Bergen in der Region Kavre getroffen. Hier hat Save the Children ein temporäres Lernzentrum eröffnet. An Dipesh beeindruckte mich vor allem seine Ausdrucksfähigkeit und seine Zuversicht. Ich begleitete ihn den schmutzigen, gewundenen Pfad entlang bis zu seinem Zuhause. Neben einem Haufen Ziegelsteinen, die einmal sein zweistöckiges Wohnhaus waren, stand sein neues provisorisches Zuhause: eine kleine Hütte aus Holz und Wellblech. Hier wohnt er zusammen mit seinen Eltern und seinem Bruder. In der Hütte befinden sich ein Kocher und Küchenuntensilien, die sein älterer Bruder aus den Trümmern retten konnte sowie ein einzelnes Bett, das sich die Familie teilt.

Durch Hilfe aus dem Dorf und von Organisationen wie Save the Children kommt die Familie langsam wieder auf die Beine. Dipesh hat mir erzählt, dass die Albträume, die er nach dem Beben hatte, beinahe verschwunden sind. Dennoch bekommt er immer noch Angst, wenn Stürme durch die Bergregion fegen und an seinem neuen Haus – und seinen Nerven – rütteln.

Wiederaufbau

Nepal wieder aufzubauen könnte bis zu fünf Jahre dauern. Dabei wird das Ziel sein, erdbebensichere Strukturen zu schaffen. Save the Children schult tausende Maurer in ihren Fähigkeiten zum „verbesserten Wiederaufbauen“: „Build Back Better“ heißt die Regierungsinitiative, die gewährleisten will, dass Wohnhäuser, Schulen und öffentliche Gebäude einem weiteren Beben besser standhalten.

Opfer und Helfer: Bimila erzählt

Vor ein paar Tagen traf ich eine Frau namens Bimila in ihrem Dorf und sprach mit ihr in ihrer provisorischen Unterkunft, die direkt an den Verschlag für ihre Tiere grenzt. In einer warmen Brise sitzend und mit dem leisen Meckern von Zicklein im Hintergrund erzählte sie mir davon, mit welchem Stolz sie vor fünfzehn Jahren aus ihren gesamten Ersparnissen ihr Haus gebaut hatte. Nun lag es nur wenige Meter entfernt komplett in Trümmern – eine tägliche Erinnerung an ihren Verlust.

Schon vor dem Beben war Bimila als Gesundheitshelferin der Regierung in der Gemeinde tätig. Und noch immer widmet sie einen Großteil ihrer Zeit diesem Engagement. Als am 25. April die Erde bebte, war sie eine der ersten, die reagierte und den Menschen aus ihrem Dorf half. Sie erinnert sich daran, wie sie den Körper eines vierjährigen Nachbarskindes aus den Trümmern zog. Sie behandelte die Verletzten. Erst am nächsten Tag, als sich ihr Adrenalinspiegel langsam normalisierte, bemerkte Bimila, dass sie sich bei dem Beben selbst den Knöchel verletzt hatte. Noch immer hat sie Probleme beim Laufen.

Starker Zusammenhalt

Nach dem Erdbeben nahmen viele Menschen ihr Schicksal selbst in die Hand. Sie taten sich zusammen, um einander beim Bau von provisorischen Unterkünften zu unterstützen und bündelten ihre finanziellen Mittel, um eigene dorfinterne Kreditsysteme einrichten zu können.

Save the Children reagierte innerhalb der ersten 24 Stunden nach dem Beben. Wir konnten bereits über eine halbe Million Menschen mit provisorischen Unterkünften, Geldtransfers, der Einrichtung von Schutz- und Spielräumen sowie temporären Lernzentren für Kinder erreichen.

Wenn man Menschen aus Nepal trifft – auch jene, die alles verloren haben – so halten sie ihre Hände nicht zum Betteln auf, sondern legen sie zum Beten aneinander, verbunden mit dem Ausspruch „Namaste“, was so viel bedeutet wie „Ich sehe den Gott in dir.“

Ein Jahr danach

Ein Jahr nach dem Beben gibt es noch immer viel zu tun. Die Nothilfe von Save the Children geht gerade in die dritte Phase, in der wir die am meisten marginalisierten und gefährdeten Familien erreichen wollen. Unsere Hoffnung ist es, den Gemeinden in Nepal die Unterstützung zukommen zu lassen, die notwendig für einen kompletten Wiederaufbau ist und so in den nächsten Jahren all das wiederherzustellen, was in nur einer Minute zerstört wurde.

Über die Autorin: Nerida Williams arbeitet in der Medien- und Kommunikationsabteilung von Save the Children International. Derzeit ist sie in Nepal tätig. Dieser Blogbeitrag erschien im Original auf Englisch.

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