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RohingyaPublisher Save the Children10.06.2020Rohingya

Rohingya berichten von Hunger, Tod und Verzweiflung

Knapp 400 Angehörige der Rohingya-Minderheit trieben monatelang in Booten im Golf von Benaglen. Kinder und Jugendliche haben Save the Children von ihren erschütternden Erlebnissen auf See berichtet. Sie waren im April gerettet worden, nachdem sie zuvor etwa zwei Monate lang ohne ausreichend Nahrung und Wasser in überfüllten Booten ausgeharrt hatten.

Raisa ist Projektleiterin für Kinderschutz in Cox's Bazar. Gemeinsam mit ihrem Team kümmert sie sich um die etwa 400 Rohingya-Flüchtlinge, die vor einigen Tagen aus der Bucht von Bengalen gerettet wurden. © Sonali Chakma / Save the Children


Rohingya auf der Flucht

Seit der militärischen Gewalt gegen die Minderheit der Rohingya in Myanmar im Sommer 2017 leben hunderttausende Angehörige der Volksgruppe unter prekären Bedingungen in dem riesigen Flüchtlingslager von Cox’s Bazar in Bangladesch. Viele verlassen das Lager auf der Suche nach besseren Lebensbedingungen für sich und ihre Kinder, jedoch sind sie in den Nachbarländern nicht willkommen.

Die Mädchen und Jungen waren mit ihren Familien auf dem Weg nach Malaysia, wurden jedoch von den dortigen Behörden nicht an Land gelassen. Einige Kinder mussten mit ansehen, wie die Leichen ihrer eigenen Eltern über Bord geworfen wurden.

Monatelanger 'Alptraum'

Medien berichten über ein weiteres Schiff, das mehr als 200 Rohingya-Flüchtlinge an Bord hatte und vor der Küste von Langkawi abgefangen wurde. Es wurde am 8. Juni von den malaysischen Behörden an Land gebracht. Es wird vermutet, dass die Angst vor COVID-19 und der damit verbundenen Quarantäne die Rohingya-Flüchtlinge zur vermehrten Flucht aus den Camps drängen könnte. Der 16-jährige Aziz* gehört zu denen, die im April gerettet wurden. Er berichtete Save the Children Anfang Mai, dass er fast zwei Monate lang auf See eingeschlossen war. Das Boot, mit dem er unterwegs war, wurde aufgrund der COVID-19-Beschränkungen drei Mal von Malaysia abgewiesen.


Alle Lebensmittel an Bord waren aufgebraucht. Wir hatten tagelang nichts zu Essen. Das Boot war nicht groß genug, um viele Menschen aufzunehmen. Ich kann mich nicht erinnern, wie viele es waren, aber wir konnten uns kaum bewegen, so dicht saßen wir beieinander. Wir hatten kein Wasser zum Trinken. Einige Leute tranken Meerwasser und wurden krank. Ich sah einen Mann sterben und der Schlepper warf die Leiche ins Meer. Der Schlepper schlug uns, als wir ihn baten, umzudrehen und nach Bangladesch zurückzukehren. Ich hätte nie gedacht, dass ich überleben würde.

Aziz*, 16 Jahre

Die achtjährige Sara* erzählte den Mitarbeiter*innen von Save the Children, dass sie mit ihrer Mutter und ihrem 9-jährigen Bruder versuchte, mit dem Boot nach Malaysia zu gelangen. Saras Mutter starb auf dem Boot, ihre Leiche wurde vor den Augen ihrer Kinder ins Meer geworfen. Das Schiff wurde nach Bangladesch zurückgebracht. Sara und ihr Bruder werden nun von ihren Großeltern im Lager in Cox's Bazar betreut. Sara* erhält psychologische Unterstützung, um ihr Trauma zu bewältigen.

Es ist verständlich, dass die Rohingya-Familien in ihrer Verzweiflung bereit sind, gefährliche Reisen zu unternehmen, selbst wenn sie dabei kriminellen Organisationen ausgeliefert sind. Alle Kinder haben das Recht auf eine Staatsbürgerschaft und Papiere, was Myanmar den Rohingya weiterhin verweigert. Wir wünschen uns eine umfassende Lösung für diese Krise. Die Verantwortlichkeiten müssen geklärt werden. Die Ursachen von Gewalt und Diskriminierung der Rohingya und anderer ethnischer Minderheiten in Myanmar müssen bei der Wurzel gepackt werden.

Hassan Saadi Noor, Save the Childrens Regionaldirektor für Asien

Langfristige Lösungen gefordert

Save the Children ruft alle Staaten in der Region dazu auf, die Verantwortung sowohl für den Schutz als auch für die Versorgung der Rohingya aufzuteilen und gleichzeitig Myanmar dazu zu bringen, eine langfristige Lösung für diese Krise zu finden. Die asiatischen Länder haben sich in der Bali-Erklärung von 2016 zur Rettung von Bootsflüchtlingen und zur Zusammenarbeit bei deren Aufnahme verpflichtet. Regierungen sollten COVID-19 nicht als Entschuldigung dafür benutzen, Flüchtlingen ihre Rechte zu verweigern. Vertriebene Rohingya müssen sicher, in Würde und freiwillig in ihre Städte und Dörfer zurückkehren können, die Rechte der Kinder und ihrer Familien als gleichberechtigte Bürger Myanmars müssen respektiert werden. Die Regierung Myanmars muss schnelle und konkrete Maßnahmen ergreifen, damit die Rohingya-Kinder sicher aufwachsen können.

*Name aus Schutzgründen geändert

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