Jetzt spenden DZI Siegel
Publisher Save the Children31.08.2020Interview

Was Corona für geflüchtete Menschen bedeutet

Überall auf der Welt sind die Auswirkungen der Corona-Krise zu spüren. Besonders kritisch ist die Lage jedoch für diejenigen ohne festen Wohnsitz, festes Einkommen und stabiles Gesundheitssystem. Susanna Krüger, Vorstandsvorsitzende von Save the Children Deutschland erklärt im Interview, mit welchen Herausforderungen die Menschen im weltweit größten Flüchtlingscamp in Cox's Bazar zu kämpfen haben.

Kamal* (15) und Abdul* (12) leben mit ihren Großeltern im größten Flüchtlingscamp der Welt in Cox's Bazar. Ihre Eltern und Geschwister wurden bei der gewaltsamen Vertreibung aus ihrer Heimat Myanmar getötet. Save the Children unterstützt die beiden Brüder mit psychosozialer Hilfe. © Sonali Chakma / Save the Children

In der Nähe von Cox’s Basar im Süden Bangladeschs leben fast eine Millionen Rohingya – eine Minderheit, die vor drei Jahren aus dem benachbarten Myanmar vertrieben wurde. 

Wie ist die Situation aktuell für die Rohingya?

Susanna Krüger: Die Rohingya leben seit drei Jahren in diesem Flüchtlingscamp und jetzt kommt auch noch COVID-19. Im Moment ist die Lage kontrollierbar, aber natürlich ist in einem derart vollen Camp das Ansteckungsrisiko sehr viel höher als sonst – so wie wir das kennen. Abstand halten ist schwierig, Hygienemaßnahmen sind eigentlich kaum durchsetzbar und sollte es dann zu einem Ausbruch kommen, sind natürlich auch die medizinischen Kapazitäten ganz schnell überlastet.

Was wird vor Ort unternommen, um einen Ausbruch der Krankheit zu verhindern?

Susanna Krüger: Zur Eindämmung eines Ausbruchs braucht es immer staatliche Kapazitäten und Bangladesch ist doppelt belastet. Erstens steigt die Armut im Land und zweitens fehlt es an ganz basalen medizinischen Einrichtungen und wir arbeiten in Zusammenarbeit mit der bangladesischen Regierung daran, die Lage stabil zu halten. Also, wir haben ein Zentrum für Atemwegserkrankungen geöffnet und sind mit mobilen Gesundheitsstationen unterwegs. Und außerdem leisten wir natürlich Aufklärungsarbeit und versorgen die Flüchtlinge weiterhin mit Nahrungsmitteln und Hygieneartikeln, so wie wir es von Anfang an getan haben.

Vor welchen Herausforderungen stehen die Teams vor Ort?

Susanna Krüger: Ein Problem ist die Verfügbarkeit von Informationen durch das Internet. Um Falschmeldungen vorzubeugen, hat die Regierung von Bangladesch den Zugang zum Internet im Lager nun blockiert, aber der ist für die Menschen absolut lebensnotwendig, um sich überhaupt über die Krankheit und entsprechende Hygienemaßnahmen zu informieren und außerdem ist das Internet natürlich auch eine Möglichkeit, besonders die Kinder und Jugendlichen durch diese Situation begleiten zu können.

Was bedeutet die jetzige Krise denn für die Kinder und Jugendlichen?

Susanna Krüger: Wir haben eine Umfrage durchgeführt, um überhaupt mal zu verstehen, wie es den Kindern gerade tatsächlich geht. Und die Resultate waren: 70 Prozent der Rohingya-Kinder haben Angst vor einer Ansteckung, 40 Prozent fürchten sogar, daran zu sterben und immerhin fast die Hälfte der befragten Kinder leidet unter der Schließung von Lern- und Spielzentren und zuletzt sind im April wieder mehrere hundert Rohingya angekommen und darunter auch viele Kinder, die alleine unterwegs waren und die brauchen natürlich ganz besonderen Schutz.

Was muss jetzt unternommen werden, damit die Lage nicht schlimmer wird?

Susanna Krüger: COVID-19 ist eine große Bedrohung und wir tun natürlich alles, damit die Menschen geschützt sind. Das reicht von Hygieneaufklärung bis hin zur Einrichtung eines Isolationszentrums. Aber die Situation der Rohingya im Camp kann keine Dauerlösung sein.  Kein Kind sollte in den Lagern von Cox's Bazar aufwachsen müssen. Aber die langfristige Lösung für diese Krise liegt in Myanmar. Wir wissen durch viele Gespräche mit Geflüchteten, dass die Menschen nach Myanmar zurückkehren wollen. Aber nur, wenn es für sie sicher ist. Dafür muss eben die internationale Gemeinschaft ihre Bemühungen fortsetzen, Myanmar für die an den Rohingya begangenen Verbrechen zur Rechenschaft zu ziehen und die notwendigen Bedingungen für eine sichere Rückkehr zu schaffen. Und das möglichst vor dem nächsten Jahrestag.

Weitere Informationen zu unserer Arbeit in Cox's Bazar erhalten Sie hier.

Artikel teilen

Auch interessant

SpendenaktionInterview

So kann Ihre Unternehmensspende die Gesellschaft gestalten

Soziales Engagement gehört bei Konzernen und großen Unternehmen schon lange zum guten Ton. Aber kann sich das auch ein Familienbetrieb leisten?…

Starke Überschwemmungen wie hier in Khartum, der Hauptstadt des Sudans, sind einer der Gründe, warum immer mehr Menschen im Land humanitäre Hilfe benötigen. © Khaled Abfulfattah / Save the Children
InterviewCorona

Über diese Krise berichtet niemand

Im Sudan und Südsudan spitzt sich die humanitäre Lage immer weiter zu. Das fatale: In den Medien wird kaum berichtet. Joachim Rahmann,…

InterviewCoronaBildung

NACHGEFRAGT: KINDER WOLLEN MEHR ZUR NEUEN tesaPARTNERSCHAFT WISSEN

tesa und Save the Children haben sich zusammengetan, um in der Corona-Krise besonders benachteiligte Kinder mit einer Million Euro zu…

Mathew (13) fährt mit seinem Fahrrad durch sein Dorf in Turkana, Kenia. Hier lebt er mit seiner Familie. © Mark Njuguna / Save the Children
Interview

Eine Zeitschrift für junge Weltenbummler

'Weltentdecker' heißt unser Magazin für Kinder im Alter von sechs bis zwölf Jahren. Dr. Helene Mutschler, Leiterin der Spendenabteilung, hat…

Mit dem Testament Kindern weltweit helfen.
Interview

Mit dem Erbe gutes Tun – Alles zum Thema Testamentsspende

An das Lebensende denken wir nur ungern und auch mit den Liebsten wird nicht häufig darüber gesprochen. Dabei ist es ratsam, sich schon…

Kamal* (15) und Abdul* (12) leben mit ihren Großeltern im größten Flüchtlingscamp der Welt in Cox's Bazar. Ihre Eltern und Geschwister wurden bei der gewaltsamen Vertreibung aus ihrer Heimat Myanmar getötet. Save the Children unterstützt die beiden Brüder mit psychosozialer Hilfe. © Sonali Chakma / Save the Children
InterviewCoronaRohingya

Was Corona für geflüchtete Menschen bedeutet

Überall auf der Welt sind die Auswirkungen der Corona-Krise zu spüren. Besonders kritisch ist die Lage jedoch für diejenigen ohne festen…

InterviewCoronaBildungDeutschland

"Digitale Bildung wurde in Deutschland lange Zeit sträflich vernachlässigt."

Bildung ist eines der Kernthemen, für dass sich Save the Children stark macht. Doch nicht zuletzt die Corona-Pandemie offenbart: Gerade um…

Die vierjährige Dalal* wurde bei der schweren Explosion in Beirut von ihren Eltern getrennt und musste bei ihrer Oma unterkommen. Nach acht Tagen konnte sie zurück zu ihren Eltern, die teils schwer verletzt wurden. Save the Children unterstützte Dalal* mit psychosozialer Betreuung. © Ahmed Bayram / Save the Children
LibanonInterviewEmergencyFilmfestival

"Die Menschen im Libanon brauchen Stabilität und Perspektiven"

Auch knapp zwei Wochen nach der verheerenden Explosion im Hafen von Beirut stehen die Menschen im Libanon unter Schock. Jihan Akrawi,…

Auch auf die Corona-Pandemie mussten unsere Mitarbeiter*innen überall auf der Welt schnell reagieren – wie dieses Team aus Ruanda. © Odette Ntambara / Save the Children
Interview

"Genau hinschauen und schnell reagieren"

Nicht immer läuft in unseren Projekten alles wie geplant – aus ganz verschiedenen Gründen. Manchem können wir vorbeugen, auf anderes lediglich…

Mitarbeiter*innen aus unserem Länderbüro in Äthiopien verteilen Lebensmittel und Hygieneartikel in der Hauptstadt Addis Abeba, um die Menschen während der Corona-Pandemie zu unterstützen. © Save the Children Ethiopia
InterviewCoronaHorn von Afrika

Ostafrika: Der Natur ausgeliefert

Erst kam die Dürre, dann der Regen und nach ihm die Heuschrecken. Im Osten Afrikas jagt eine Katastrophe die nächste. Schon vor Monaten warnten…

Unsere Kinderreporter Ella und Paul im Interview mit Johannes Freund. © Marina Aschkenasi / Save the Children
InterviewBildungDeutschland

Unsere Kinderreporter fragen nach

Wie sieht es denn in Deutschland mit dem Recht auf Bildung aus? Und was sind „LeseOasen"? Die Kinderreporter Ella und Paul haben bei Johannes…

InterviewCorona

Corona-Hilfe von Unternehmen: großes Engagement und kreative Ideen

In der Corona-Krise müssen Projekte und Hilfsmaßnahmen von Save the Children angepasst und intensiviert werden. Die dafür nötigen Mittel kommen…

Eine Mutter mit ihrem Kind beim Impfen. In Äthiopien sind durchschnittlich 43 Prozent aller Kinder geimpft. © Zacharias Abubeker / Save the Children
InterviewCorona

Weltimpfwoche 2020: "Die COVID-19-Pandemie hat uns gezeigt, dass die Welt ein kleines Dorf ist."

Mirafe Solomon leitet für Save the Children das Impfprogramm in Äthiopien und unterstützt Impfprojekte für besonders schwer erreichbare,…

Adriana* aus Mexiko lebt derzeit mit ihrer Mutter und ihren beiden älteren Schwestern in einem Flüchtlingscamp an der Grenze zu den USA. Sie hat an einem von Save the Children organisierten Workshop zum Thema: 'Was ist der Corona-Virus' teilgenommen und ein Hygiene-Set bekommen. © Save the Children Mexico
InterviewCorona

Corona und die Folgen - Susanna Krüger im Interview

Das neue Corona-Virus trifft sowohl gut versorgte als auch arme Länder weltweit. In Europa und den USA ist zu sehen, wie selbst…

KlimawandelInterview

Heuschreckenplage bedroht Kinder und Familien

Viele Menschen in Ostafrika haben wegen Dürren, Konflikten und hohen Lebensmittelpreisen schon jetzt zu wenig zu essen. Joachim Rahmann,…

Prothesen und Geh-Hilfen für Kinder. © Syria Relief/NSPPL
InterviewKinderschutz

Landminen gefährden vor allem Kinder

US-Streitkräfte dürfen zukünftig in Konflikten wieder Landminen einsetzen – so die Entscheidung der US-Regierung. Unser Advocacy-Mitarbeiter…

Kinder auf den Philippinen demonstrieren für ihre Rechte.
InterviewPolitische ArbeitKinderrechte

30 Jahre Kinderrechts-Konvention: ein Grund zu feiern?

Am 20. November 1989 nahm die UN-Vollversammlung die Kinderrechtskonvention an, in der rechtlich verbindliche Standards zum Schutz von Kindern…

Dr. Angela Muruiki aus Kenia.
KlimawandelInterviewPolitische Arbeit

"Kinder leiden überproportional unter den Auswirkungen des Klimawandels."

Im Rahmen des Humanitären Kongresses sprach unsere Kollegin Dr. Angela Muriuki, Expertin für Müttergesundheit in unserem Regionalbüro Nairobi,…

Kinder in einem Flüchlingscamp, Libanon
InterviewEmergency

Geflüchtete im Libanon: Kindheit in einer Krisenregion

Im Libanon leben über eine Million Geflüchtete aus Syrien. Die meisten von ihnen in provisorischen Siedlungen, oftmals bestehend aus einfachen…

Mit der Aktion Weihnachtsspende von Save the Children können Unternehmen „Spenden statt schenken“: Anstelle von Weihnachtsgeschenken für Kunden und Mitarbeiter spenden sie das Budget für Kinder in Not.
SpendenaktionInterview

„Unsere Mitarbeiter sind stolz auf unser Engagement“

Mit der Aktion Weihnachtsspende von Save the Children können Unternehmen „Spenden statt schenken“: Anstelle von Weihnachtsgeschenken für Kunden…

InterviewRohingya

Auf Projektreise in Myanmar

Mario Pilz ist Projektreferent von Save the Children und hat drei unserer Projekte in Myanmar besucht. Im Interview berichtet er von seinen…

InterviewAfghanistan

Afghanistan: „Einfach spielen zu können, ist etwas Besonderes“

Tanja Koch ist Regional-Referentin für Asien bei Save the Children Deutschland. Im Februar war sie zu einem Projektbesuch in Afghanistan und…

© Joan del Mundo / Save the Children
InterviewKinderschutz

Online-Ausstellung zu Kindersoldat*innen

Laura, Jana, Cornelia, Maria und Saskia sind Studierende der Freien Universität Berlin. Sie haben im Rahmen des Kurses „Opfer und Täter?…

InterviewKinderrechte

Auch Erwachsene brauchen Regeln

Als Kinderrechtsorganisation ist es für uns besonders wichtig, dass sich Kinder mit und bei uns wohl fühlen und sicher sind. Deshalb gibt es…

Interview

Wenn Unternehmen spenden:„Ich bin eine Etwas-für-Kinder-Unternehmerin“

Ulla Baudach ist stolze Besitzerin eines erfolgreichen Beauty-Ateliers in Berlin-Charlottenburg und ist Etwas-Unternehmerin von Save the…

© Dominic Nahr / Save the Children
Interview

Ruanda 25 Jahre nach der Apokalypse: Wiederbegegnung mit einem Waisenkind

Vor 25 Jahren ereignete sich im ostafrikanischen Ruanda ein Völkermord unbeschreiblichen Ausmaßes. Mindestens 800.000 Tutsi und gemäßigte Hutu…