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Publisher Save the Children27.04.2020Interview

Weltimpfwoche 2020: "Die COVID-19-Pandemie hat uns gezeigt, dass die Welt ein kleines Dorf ist."

Mirafe Solomon leitet für Save the Children das Impfprogramm in Äthiopien und unterstützt Impfprojekte für besonders schwer erreichbare, ländliche Gemeinden. Diese umfassen unter anderem die Stärkung des Gesundheitssystems in Äthiopien, die Verbesserung der Nachfrage für Immunisierungsleistungen in Gemeinden sowie politische Arbeit. Sie ist seit über zehn Jahren im Entwicklungssektor tätig, auf Impfprogramme spezialisiert und auch beratend für das Gesundheitsministerium tätig.

Eine Mutter mit ihrem Kind beim Impfen. In Äthiopien sind durchschnittlich 43 Prozent aller Kinder geimpft. © Zacharias Abubeker / Save the Children

1. Wie ist die aktuelle Gesundheits- und Ernährungssituation von Kindern in Äthiopien?

Mirafe Solomon: Die allgemeine Gesundheits- und Ernährungssituation von Kindern in Äthiopien hat sich in den letzten Jahrzehnten deutlich verbessert, trotzdem bleibt noch viel zu tun. In den vergangenen zwei Jahrzehnten hat das äthiopische Gesundheitssystem einen Schwerpunkt auf Krankheitsprävention, Gesundheitsförderung und auf die Stärkung der Selbstbestimmung der Gemeinden gelegt. Die äthiopische Regierung hat sich auch dafür eingesetzt, den Zugang zu einer grundlegenden Gesundheitsversorgung zu gewährleisten. Trotz der jüngsten Erfolge hat Äthiopien immer noch mit zu hohen Sterblichkeitsraten zu kämpfen, die reduziert werden müssen. Erhebliche Unterschiede in der Immunisierungsrate zwischen den Regionalstaaten stellen nach wie vor eine Herausforderung dar - insbesondere in den ländlichen Regionen in Afar und Somali. Der Prozentsatz der vollständig geimpften Kinder liegt in Somali und Afar zum Beispiel bei nur 18,2 bzw. 19,8 Prozent, während der nationale Durchschnitt 43,1 Prozent beträgt.

2. Wie betrifft COVID-19 Kinder in Äthiopien?

Mirafe Solomon: Seit dem ersten Fall von COVID-19, der am 4. März gemeldet wurde, hat die Regierung umfassende Maßnahmen eingeleitet, um eine weitere Übertragung des Virus zu verhindern. Diese Bemühungen sind lobenswert, könnten aber erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit und Bildung von Kindern haben. Alle Schulen sind geschlossen, Kinder bleiben zuhause. Kinder sind auch von den durch Versorgungsengpässe steigenden Preisen für Grundgüter betroffen. Diese Preiserhöhungen treffen besonders Familien mit geringem Einkommen. Es gibt auch Einschränkungen in der Verfügbarkeit grundlegender Gesundheitsdienste, da Gesundheitspersonal für die Eindämmung von COVID-19 eingesetzt wird und es sowohl zu Verzögerungen als auch Materialengpässen kommt.

3. Wie wirkt sich COVID-19 auf das Gesundheitssystem aus?

Mirafe Solomon: COVID-19 stellt eine Belastung für das Gesundheitssystem dar, weil alle Bemühungen und die schon jetzt limitierten Ressourcen für die Eindämmung des Virus eingesetzt werden müssen. Gegenwärtig ist das Gesundheitssystem damit überlastet, COVID-19 Betroffene und ihre Kontaktpersonen zu identifizieren und entsprechende Isolierungsmaßnahmen zu gewährleisten. Es gibt nur eine begrenzte Anzahl qualifizierter Gesundheitsfachkräfte, die zusätzlich zur regulären Bereitstellung von Basisgesundheitsdiensten die erforderlichen Maßnahmen umsetzen können. Es besteht auch ein Mangel pharmazeutischer Hilfsgüter und medizinischer Ausrüstung sowie eine Verknappung und Verzögerung der Lieferungen von Grundversorgungsgütern.

Da viele Gesundheits- und Ernährungsbedarfe derzeit nicht ausreichend abgedeckt werden können, wird die weitere Ausbereitung von COVID-19 andere grundlegende Gesundheits- und Ernährungsmaßnahmen behindern und die Verbreitung von Infektionskrankheiten, einschließlich durch Impfung vermeidbarer Krankheiten, nach sich ziehen. Das gefährdet viele Gemeinden.  Wenn die Ausbreitung zunimmt, wird das Land aufgrund der begrenzten Anzahl und Kapazität qualifizierter Gesundheitsfachkräfte, der begrenzten Anzahl von Gesundheitseinrichtungen, die angemessen ausgestattet sind, um steigende Patientenzahlen auf der Intensivstation zu versorgen,  mit erheblichen Problemen konfrontiert sein. Das Land wird auch mit finanziellen Herausforderungen beim Zugang zu lebensnotwendigen Versorgungsgütern konfrontiert sein, die auf langwierige Beschaffungs- und Transportprozesse sowie hohe Preise auf globaler Ebene zurückzuführen sind. Die weitere Ausbreitung des Virus wird auch zu höheren Sterblichkeitsraten im Land führen.

Die COVID-19-Pandemie hat uns gezeigt, dass die Welt ein kleines Dorf ist. Ein Ausbruch, der in einem Teil der Welt begann, hat innerhalb von drei Monaten die ganze Welt heimgesucht. Deshalb ist es mehr denn je an der Zeit, die globale Solidarität zu stärken und Herausforderungen, denen Entwicklungsländer wie Äthiopien gegenüberstehen, gemeinsam anzugehen. Nur so können wir sicherstellen, dass sowohl der Zusammenbruch der Gesundheitssysteme dieser Länder, als auch ihr wirtschaftlicher Zusammenbruch, nicht auf den Rest der Welt überschwappt.

Mirafe Solomon, Leiterin des Impfprogramms von Save the Children in Äthiopien

4. Wie wirkt sich COVID-19 auf die Immunisierungsprogramme in Äthiopien aus?

Mirafe Solomon: Auf nationaler Ebene wurden routinemäßige Impfmaßnahmen, z.B. Masernimpfungen, aufgrund der Regelungen zur sozialen Distanzierung zurückgestellt. Die Maßnahmen zur sozialen Distanzierung und die Vermeidung überfüllter Gebiete könnte auch Eltern abschrecken, ihre Kinder zur Impfung in Gesundheitseinrichtungen zu bringen. Der Transport und die Lieferungen von Impfstoffen und Materialien muss verbessert werden. Außerdem müssen Beteiligte auf allen Ebenen Immunisierungsmaßnahmen bereitstellen und ihre Umsetzung fördern. Darüber hinaus müssen die Anstrengungen von der globalen bis zur nationalen Ebene gebündelt werden, um die Bereitstellung von Immunisierungsleistungen und anderen lebensrettenden Basisgesundheitsdienstleistungen zu verbessern. So können Tode durch vermeidbare Krankheiten, die durch Impfungen verhindert werden können, reduziert werden.

5. Was muss passieren, um die Gesundheitssituation in Äthiopien für Kinder nachhaltig zu verbessern?

Mirafe Solomon: Es müssen mehrere Maßnahmen ergriffen werden:

  • Verbesserung der Verfügbarkeit und Kapazität von Gesundheitspersonal, das die medizinische Grundversorgung leistet;
  • Verbesserung der Verfügbarkeit und Versorgung mit Arzneimitteln und Medikamenten, einschließlich Impfstoffen;
  • Qualitative Verbesserung der Datenerfassung;
  • Stärkung des Vertrauens der Öffentlichkeit in die Inanspruchnahme grundlegender medizinischer Versorgungsleistungen;
  • Einbindung von Gemeinden in die Planung, Bereitstellung und Überwachung von Gesundheitsdiensten, um die Rechenschaftspflicht zu verbessern;
  • Aufbau eines belastbaren Gesundheitssystems;

Um die Gesundheitssituation der äthiopischen Gemeinschaften zu verbessern, ist vor allem eine starke globale Unterstützung für die Stärkung und den Aufbau eines widerstandsfähigen Gesundheitssystems erforderlich, das eine qualitativ hochwertige medizinische Grundversorgung für alle bietet.

6. Was motiviert dich?

Mirafe Solomon: Zu meiner Arbeit gehört es hauptsächlich, Projekte zu entwerfen und zu unterstützen, die die Gesundheitssituation von Kindern, insbesondere in unterversorgten Gemeinden, verbessern sollen. Zu wissen, dass ich dazu beitragen kann, das Überleben und die Gesundheit von genau diesen Kindern zu verbessern, macht mich glücklich und motiviert mich täglich, mit Engagement und Leidenschaft zu arbeiten.

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