„Das ist eine Kindheit im Ausnahmezustand“
von Celine Brinkmann
Stromausfälle bei -15 Grad Celsius und eine Mutter, die Fotos von glücklicheren Tagen zeigt: Florian Westphal, Geschäftsführer von Save the Children Deutschland, erzählt von seiner Reise in die Ukraine.
Du warst Ende Januar 2026 in der Ukraine. Mitten im Winter fallen Heizung, Strom und Wasser dort immer wieder aus. Wie kalt war es vor Ort?
In den ersten Tagen war es wirklich ziemlich kalt. Nachts bis -15 Grad, tagsüber durchaus -10. Dass viele Menschen auch bei diesen eisigen Temperaturen nur zu gewissen Tageszeiten Strom und Heizung haben, ist aber leider die Regel. Der Strom wird ohnehin rationiert. Doch nun funktioniert auch diese Rationierung nicht mehr: In Kyjiv waren die Folgen der Angriffe auf die Energieversorgung besonders deutlich zu spüren. Aber auch in Charkiw und Sumy, wo ich war, ist die Situation problematisch.
Kannst du das genauer erklären?
Die permanenten Stromausfälle haben immense Auswirkungen auf die Familien und Kinder. Ganz konkret betrifft das zum Beispiel den Schulunterricht, der häufig online stattfindet. Doch wenn die Kinder keinen Strom zu Hause haben, funktioniert auch das Internet nicht und sie können nicht richtig teilnehmen. Genauso kann das natürlich auch die Lehrkräfte betreffen. Eigentlich ist die Bunkerschule, die ich besucht habe, der einzige Ort, an dem die Kinder wirklich ungestört lernen können.
Was ist eine Bunkerschule?
In einer regulären Schule müssen Kinder bei jedem Luftalarm in den Keller, das heißt, der Unterricht wird ständig unterbrochen. Die Bunkerschule in Charkiw, die ich besucht habe, haben die Behörden deshalb extra sieben Meter unter der Erde bauen lassen. Hinter einer dicken Stahltür und riesigen Betonwänden befinden sich 20 Klassenräume, in denen hunderte Kinder von drei verschiedenen Schulen unterrichtet werden. In Charkiw gibt es acht solcher Schulen und es werden auch U-Bahnhöfe genutzt. Save the Children unterstützt sie, wo möglich, mit Ausstattung und digitalen Geräten.
Du hast auch erfahren, dass Kinder in der Ukraine neben den üblichen Schulfächern noch andere Dinge lernen müssen, und an einer „Mine Risk Awareness Session“ teilgenommen. Was steckt hinter dem Begriff?
Eine Partnerorganisation von Save the Children führt die „Mine Risk Awareness Sessions“ durch. Fachleute – zum Beispiel ehemalige Soldat*innen – klären die Kinder über die Gefahr durch Minen, Blindgänger und Sprengfallen auf. Sie zeigen ihnen Bilder von Munitionsteilen und Geschossen. Sie erklären ihnen, was es bedeutet, wenn sie ein Kreuz aus zwei Ästen auf dem Boden sehen, nämlich eine Warnung, dass dahinter etwas Explosives liegt. Und sie geben Ratschläge, was die Kinder machen können, wenn sie sich in einem Gefahrengebiet wiederfinden: stehen bleiben, genau schauen und dann versuchen, in ihren eigenen Fußstapfen so zurückzugehen, wie sie gekommen sind. Das ist eine Kindheit im Ausnahmezustand, wenn man lernen muss, wie man sich vor Minen schützt.
Dieser Ausnahmezustand hält nun schon seit fast vier Jahren an. Gibt es trotzdem so etwas wie Normalität?
Im Februar 2024 war ich das erste Mal in der Ukraine, im Januar 2026 zuletzt. Bei meinem jetzigen Besuch kamen mir die Menschen erschöpfter vor. Eltern haben mir erzählt, dass es immer schwieriger wird, den Anschein von einem normalen Leben aufrechtzuerhalten, auch wenn ich gemerkt habe, dass sie es wirklich versuchen. Wo möglich, schicken sie ihre Kinder zur Schule oder lassen sie in unseren Schutz- und Spielräumen mit Gleichaltrigen spielen. Normal ist die Situation nicht, aber die Leute haben natürlich gelernt, damit zu leben.
Eine der Begegnungen, die mich besonders berührt hat, war mit einer jungen Mutter. Ihr Zuhause wurde vor acht Monaten durch mehrere Einschläge völlig zerstört. Es ist ein Wunder, dass sie, ihre drei Kinder und ihr Mann da nur leicht verletzt rausgekommen sind. Für die Familie war dieses Haus ihr Traum, ihr Mittelpunkt. Sie hatte einen Kredit bekommen, das Haus gekauft, selbst renoviert. Auf ihrem Smartphone hatte sie Fotos, wie Kinder dort früher im Garten spielten. Ich kann mir kaum vorstellen, was das bedeutet, wenn einem etwas so brutal weggenommen wird. Und es ist bewundernswert, wie die Eltern für ihre Kinder da sind, obwohl sie selbst mit ihren eigenen Traumata und Verlusten klarkommen müssen.
Wie unterstützt Save the Children diese und andere Menschen in der Ukraine?
Familien, deren Häuser durch Bomben- oder Raketeneinschläge beschädigt wurden, unterstützen wir bei den Reparaturen. Wir helfen mit Bargeld, damit die Leute die Reparaturen selbst durchführen oder Handwerker*innen beauftragen können. Gleichzeitig bieten wir den Kindern mit unseren Schutz- und Spielräumen sichere Rückzugsorte zum Spielen und Entspannen. Auch so einen habe ich besucht und konnte sehen, wie sehr die Kinder es genießen, einfach zusammen zu sein.
Die ukrainische Regierung rechnet mit weiteren russischen Luftangriffen auf die zivile Infrastruktur. Wie können Menschen in Deutschland konkret helfen?
Gerade für Familien mit Kindern in der Ukraine, ist es sehr wichtig, dass sie nicht vergessen werden. Die Arbeit von Save the Children wird momentan definitiv noch gebraucht – insbesondere nahe der Frontlinie, wo wir arbeiten, ist die Nothilfe für Familien essenziell. Deswegen hoffe ich sehr, dass Menschen in Deutschland unsere Arbeit für Kinder in der Ukraine weiterhin mit Spenden unterstützen. Das wünsche ich mir natürlich auch für andere Konfliktgebiete, denn leider ist die Ukraine nicht die einzige Krise, wo die Arbeit von Save the Children für Kinder und ihre Rechte dringend benötigt wird. Da zählen wir weiterhin auf großzügige Spender*innen, die solidarisch sind mit diesen Kindern und die sie unterstützen wollen.
*Name zum Schutz der Person geändert










