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Publisher Save the Children26.03.2018

Null Toleranz gegenüber sexuellen Belästigungen und Missbrauch!

Interview mit Susanna Krüger, Geschäftsführerin von Save the Children Deutschland.

Was sagen Sie zu den Verdachtsfällen sexueller Belästigung durch Vorgesetzte an Mitarbeiterinnen bei Save the Children in Großbritannien?

Wir sind wie alle unsere Kolleginnen und Kollegen weltweit sehr bestürzt und es ist sicher kein Geheimnis, dass es uns alle beschäftigt.

Wir verfolgen als Organisation grundsätzlich eine Null-Toleranz-Politik gegenüber Missbrauch und Belästigung und stellen sicher, dass sich wirklich jeder der für uns arbeitet dessen bewusst ist. In den vergangenen Wochen sind Fälle von Mitarbeiterinnen aus Großbritannien öffentlich geworden, die sich über sexuelle Belästigungen am Arbeitsplatz beklagt haben, die vor einigen Jahren stattgefunden haben sollen. Es ist inakzeptabel, dass diese Übertretungen nicht rechtzeitig offengelegt wurden. Wir gehen dies nun offensiv und transparent an.

Schon im vergangenen November hat Save the Children International der Nachrichtgenagentur Reuters mitgeteilt, dass unsere Organisation in den Jahren 2016 und 2017 insgesamt 31 gemeldete Verdachtsfälle sexueller Belästigung untersucht hat. Die aktuellen Zahlen aus den Jahren 2016 bis 2018 belaufen sich auf 35 gemeldete Fälle. In 16 Fällen führte das zu Entlassungen, in zehn Fällen hat Save the Children die Polizei und die zuständigen Zivilbehörden eingeschaltet. Bei diesen Fällen ging es um die Belästigung von Mitarbeiterinnen. Ich möchte betonen: In keinem dieser Fälle ging es um den Missbrauch von Kindern oder Personen, die wir durch unsere Arbeit unterstützen.

Was meinen Sie mit „Null Toleranz“?

Save the Children hat sich einem strikten Verhaltenskodex verpflichtet. Der verlangt von allen unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, sich innerhalb des Kollegenkreises und ebenso gegenüber Kindern und Gemeinschaften, mit denen wir zusammenarbeiten, stets respektvoll, professionell und ethisch korrekt zu verhalten. Diese Verhaltensregeln müssen alle, die für unsere Organisation tätig sind – egal ob in Deutschland, Großbritannien oder anderswo – unterzeichnen. Die jetzt bekannt gewordenen Fälle aus Großbritannien und den USA zeigen, dass wir noch viel mehr tun müssen – und werden. Denn Regeln müssen gelebt werden, jeden Tag, überall in unserer gesamten Organisation und im ganzen Sektor.

Konkret bedeutet Null-Toleranz bei uns, dass wir keine Verhaltensweisen billigen, die unsere Richtlinien verletzen. Wir gehen jedem Verdachtsfall und jeder Beschwerde unabhängig der Schwere nach - gründlich, vertraulich, ohne Ausnahme.

Verfehlungen haben disziplinarische Konsequenzen bis hin zu Entlassungen und Anzeigen bei Behörden. Mitarbeiter, die Vorfälle oder Verdachtsfälle melden oder Untersuchungen unterstützen, werden geschützt. Einschüchterungen oder Vergeltungsakte gegen sie ziehen ebenfalls disziplinarische Maßnahmen nach sich.

Gab es Fälle von sexueller Belästigung oder Missbrauch bei Save the Children Deutschland? 

Nein, hier ist uns bisher kein Fall gemeldet worden. Unserer Ombudsperson liegen ebenfalls keine Meldungen zu sexuellem Missbrauch oder anderem Fehlverhalten vor. Dieses  Ombudsverfahren haben wir in Deutschland – über die weltweit für Save the Children geltenden Verhaltensregeln und Meldeverfahren hinaus – eingeführt. Die Ombudsperson ist ein unabhängiger, externer Ansprechpartner für alle Anregungen, aber auch Beschwerden zur Arbeit von Save the Children Deutschland. Im Moment erarbeiten wir für Deutschland zudem einen eigenen Kodex speziell zum Umgang mit sexuellem Fehlverhalten, der die internationalen Leitlinien berücksichtigt und erweitert.

Das heißt für uns aber nicht, dass wir uns hier bequem zurücklehnen können. Wir werden weiterhin konsequent an beidem arbeiten: an unserer Organisationskultur und an sicheren Meldeverfahren.

Wie verfährt Save the Children bei Verdachtsfällen von Belästigung oder Missbrauch durch Mitarbeiter oder Mitarbeiterinnen in Deutschland?

Auch wenn uns bisher bei Save the Children Deutschland kein Verdachtsfall bekannt ist, gilt hier wie in allen unseren Länderbüros: Die Sicherheit unserer Mitarbeiterinnen sowie Mitarbeiter und der Menschen, für die wir da sind, hat oberste Priorität. Wir aktualisieren fortlaufend unsere Richtlinien und Meldeverfahren und überprüfen jeden Einzelfall gewissenhaft.

In den vergangenen Jahren haben wir zudem zusätzliche Kollegen bzw. Kolleginnen eingestellt, um unsere Maßnahmen zum Kinderschutz weiter zu stärken und alle im Team darin zu schulen, wie in Verdachtsfällen zu verfahren ist.

Es darf keinerlei Toleranz und keinerlei beschämtes Wegschauen gegenüber sexueller Belästigung oder Missbrauch geben. Nicht innerhalb des Teams von Save the Children. Nicht bei Kindern und Familien, mit denen wir in den Projekten zusammenarbeiten. Daher schulen wir nicht nur unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sondern – sofern möglich – auch die Kinder und deren Familien, wie sie Verstöße erkennen und melden können. Außerdem verlangen wir bei Save the Children Deutschland von allen neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein erweitertes polizeiliches Führungszeugnis.

Was müssen Hilfsorganisationen in der Zukunft verändern?

Die in den vergangenen Tagen veröffentlichten Berichte haben gezeigt, dass es Lücken in der Nachverfolgung und im Informationsaustausch zwischen den verschiedenen Hilfsorganisationen gibt. Diese Lücken müssen und werden wir schließen. Das heißt: Wir werden die Zusammenarbeit innerhalb des Hilfssektors erheblich intensivieren.

Letzte Woche haben sich die Geschäftsführer von 22 internationalen Organisationen, darunter Save the Children, in einem offenen Brief für Versäumnisse entschuldigt. Das zeigt wie ernst wir die Vorfälle nehmen und wie ernsthaft wir Konsequenzen ziehen werden. Unsere klare Botschaft an alle, die sich am Arbeitsplatz sexueller Übergriffe schuldig machen oder die etwa als Pädosexuelle gezielt den Hilfssektor ins Visier nehmen, lautet: Wir sind fest entschlossen, alle Fälle aufzudecken und alle juristischen Mittel auszuschöpfen, um Täter zur Verantwortung zu ziehen.

Außerdem schlagen wir einen weltweiten „Ausweis für humanitäre Arbeit“ vor, damit Personen, die sich sexueller Belästigung, des Missbrauchs oder Mobbings schuldig gemacht haben, nicht wieder in unserem Sektor angestellt werden. Ein großes und sicher nicht einfaches Projekt, dessen Entwicklung wir aber diskutieren und in Zusammenarbeit mit Interpol vorantreiben wollen.

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