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Publisher Save the Children05.12.2017

Bericht aus Bangladesch

Die Lage der Rohingya in Cox‘s Bazar bleibt dramatisch. Martina Dase, Direktorin der Kommunikationsabteilung von Save the Children Deutschland, ist vor Ort und schildert ihre Eindrücke.

Der 6-jährige Selim* hält seinen kleinen Bruder Razia* auf dem Arm. 60 Prozent der geflüchteten Rohingya sind Kinder. © GMB Akash/Panos Pictures/Save the Children
Martina Dase in Bangladesch. © Save the Children

„Mit eigenen Augen hat der Papst ihn nicht gesehen: diesen Alptraum auf Erden, das befremdlich große Flüchtlingslager der Rohingya bei Cox’s Bazar in Bangladesch. Bis heute früh haben meine Kollegen und ich hier noch gefiebert, ob Papst Franziskus die rund fünfstündige Lücke in seinem offiziellen Programm für einen Überraschungsbesuch bei der muslimischen Minderheit nutzen würde, der am meisten verfolgten Gruppe der Welt.

Vor seiner Reise hatte sich Franziskus, der Anwalt der Armen und Entrechteten, schon leidenschaftlich für die Menschen eingesetzt, die niemand haben will. Und er wäre wohl gerne gekommen. Aber so wie ihm seine Berater in Myanmar aus Furcht vor noch mehr Gewalt vom Gebrauch des Wortes „Rohingya“ abgeraten haben, so sehr warnte man ihn hier in Bangladesch von einem Abstecher nach Cox’s Bazar, die Lage schien nicht kontrollierbar.

Hunderttausende Menschen leben in den Flüchtlingscamps in Cox's Bazar, Bangladesch. © Bastian Strauch / Save the Children

Was bleibt sind schreckliche Erinnerungen

Von den Flüchtlingen selbst haben nur wenige je vom Papstbesuch gehört. Für sie geht es um die nackte Existenz. Innerhalb von nur drei Monaten sind hier in Cox’s Bazar mehr als 620.000 Flüchtlinge angekommen, mit dem Boot über den Grenzfluss oder zu Fuß über die Berge von Myanmar. Mit kaum mehr im Gepäck als ihren Erinnerungen an Tötungen, Massenvergewaltigungen, brennende Dörfer. Eine ähnlich schnell eskalierende Katastrophe haben wir zuletzt in Ruanda 1994 erlebt.

Hasina Begum* floh mit ihrem 1-jährigen Sohn, nachdem ihr Dorf in Myanmar angegriffen wurde. © GMB Akash/Panos Pictures/Save the Children

Leben in einem Mega-Camp

Jetzt zwängen sich die Rohingya-Flüchtlinge hier in diesem Mega-Camp auf kleinstem Raum zusammen. Plastikplane reiht sich an Plastikplane. Die Sonne brennt. Stundenlang stehen die Erwachsenen in langen Schlangen an, um eine Sack Reis, ein Koch-Set, ein paar Hygieneartikel zu ergattern – überlebensnotwendige Dinge, die Save the Children und andere Hilfsorganisationen hier verteilen. Überall hektisches Getriebe –doch bei genauerem Hinschauen entdeckt man viele Menschen, die ins Leere starren.

Notunterkünfte so weit das Auge reicht. Zwei Kinder inmitten des Mega-Camps. © Bastian Strauch / Save the Children

Ein Ort zum Spielen, Lernen und Lachen

Die fast 400.000 Kinder in diesem Mega-Camp sind oft sich selbst überlassen. Mangelernährung, Masern, psychische Schwierigkeiten – das sind nur ein paar der Qualen, mit denen sie zu kämpfen haben. Deswegen ist unsere Arbeit so wichtig. Wir sichern nicht nur das Überleben. Wir geben den Kindern Hoffnung. Etwa mit unseren inzwischen über 40 Kinderschutzräumen, wo die oft traumatisierten Kinder spielen, lernen und lachen können. Wo sie erleben, dass es noch eine andere Wirklichkeit gibt. Es tut gut, inmitten des Elends diese fröhlichen Kinderstimmen zu hören.

In den Kinderschutzräumen von Save the Children können Mädchen und Jungen einfach nur Kinder sein. © Bastian Strauch / Save the Children

Was wird aus den Kindern?

Wo werden sie groß werden? Welche Chancen haben sie auf ein Leben außerhalb der Grenzen von Flüchtlingscamps? Eine Prognose ist schwer. Auch wenn es jetzt eine Rückführungsvereinbarung gibt, die die Regierungen von Myanmar und Bangladesch nach dem Treffen der asiatischen und europäischen Außenminister geschlossen haben: Die meisten Menschen, die ich gesprochen habe, wollen nicht dorthin zurückzugehen, wo sie Folter und Todesangst erlebt haben. Ein Elternpaar erzählte uns, dass sie für diesen Fall als Familie einen kollektiven Selbstmord geplant haben.

Sehen Sie hier ein Video dazu:

Rohingya brauchen einen sicheren Ort zum Leben

Eine schnelle Lösung der Rohingya-Krise ist schwer vorstellbar. Unterdessen setzen wir setzen uns dafür ein, dass die Gewalt in Nord-Rakhine sofort aufhört, dass humanitäre Helfer dort wieder Zugang erhalten. Vor allem müssen wir sicherstellen, dass die Rohingya wenn, dann freiwillig zurückkehren, dass sie wissen, was sie in Myanmar erwartet, dass sie einen Ort zum Leben haben und dort sicher sind.

Der Weg bis dahin ist noch sehr weit. Die Weltgemeinschaft ist – einmal mehr – gefragt. Die Aufmerksamkeit dafür hat der Papst mit seiner Reise nach Myanmar und Bangladesch geschaffen, auch wenn wir Helfer hier umsonst auf ihn gewartet haben. Für Franziskus geht die wohl heikelste Mission seiner bisherigen Amtszeit zu Ende. Für uns bleibt die Versorgung der Camp-Kinder mit dem Lebensnotwendigsten eine tägliche Mammutaufgabe – mit offenem Ende.“

Bitte unterstützen Sie unsere Nothilfe für die geflüchteten Rohingya mit Ihrer Spende.

* Die Namen wurden zum Schutz geändert.

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