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Publisher Save the Children13.05.2019100 Jahre

Save the Children nach 1945: Das Norwegenheim in Hamburg

Seit 100 Jahren ist Save the Children im Einsatz für Kinder in Not. Wie schon 1919 gab es auch ab 1945 sehr viele Hilfsprojekte in Deutschland. Nach dem II. Weltkrieg benötigten hier vor allem geflüchtete und hungernde Kinder Unterstützung.

© Redd Barna privat

Save the Children, 1919 in London gegründet, und seine Schwesterorganisationen in den skandinavischen Ländern haben nach den zwei Weltkriegen insbesondere in Deutschland vielen Kindern und ihren Familien geholfen. Neben dem schwedischen Rädda Barnen war das norwegische Redd Barna (beides übersetzt: Rettet die Kinder) aktiv, vor allem im hohen Norden. Die norwegische Kinderhilfsorganisation unterhielt in Hamburg, Kiel und Lübeck ab Ende der 1940er Jahre Kindertagesstätten für Vertriebenenkinder, Waisen und Kinder alleinerziehender Mütter. Helga Schöppenthau aus Hamburg erinnert sich:

Jeden Morgen gab es einen Löffel Lebertran. Das ist nicht bei allen gut angekommen. Mir hat er aber geschmeckt oder zumindest nichts ausgemacht.

Helga Schöppenthau, Zeitzeugin aus Hamburg

Die 70-Jährige blickt durch die Räumlichkeiten des ehemaligen Kindertagesheims am Schanzenpark in Hamburg. Sie war drei Jahre alt als ihre Mutter sie jeden Morgen hierher in die Spielgruppe brachte.

Schöppenthau erinnert sich gut an die 'Tanten', wie die Erzieherinnen genannt wurden. Es seien schöne Erinnerungen. Sie zeigt auf das Fenster neben dem Eingang des heutigen Cafés und Kulturzentrums SternChance. Dort habe sie oft gesessen und hinausgeschaut - auf die Bienenstöcke, vor denen sie Angst hatte und den umliegenden Park.

Hausaufgaben, Essen und Feste

Das sogenannte 'Norwegenheim' ist ein Geschenk von Redd Barna, der norwegischen Schwesterorganisation von Save the Children. Ab 1952 wurden hier rund 80 Kinder betreut: Zwei Spielgruppen für Kleinkinder und zwei Gruppen von Schülern, die nach dem Unterricht hier zu Mittag aßen, ihre Hausaufgaben machten, spielten - und auch Feste feierten.

An die Feste kann sich auch Ingeborg Stolp gut erinnern. Gemeinsam mit Gertrude “Trude” Kampe leitete sie das Norwegenheim zu Beginn. Die heute 95-Jährige erzählt von den Theaterstücken und kleinen Konzerten, die im Heim aufgeführt wurden. Viel habe es ja nicht gegeben in der Nachkriegszeit, sagt sie. “Aber wir haben das Beste daraus gemacht.”

1951 begann der Bau des Heims im Sternschanzenpark mit Geldern und Materialien aus Norwegen von Redd Barna - und dem Ziel, Hamburger Waisenkindern und alleinstehenden Müttern zu helfen. Es war die dritte Tagesstätte, die Redd Barna seit 1949 errichtete; weitere gab es in Kiel und in Ratekau bei Lübeck. Einmal aufgebaut, gestrichen und eingerichtet, übergab Redd Barna die Leitung des Heims in deutsche Hände, unterstützte es aber weiterhin finanziell und mit Sachspenden.

Pullover und Puff-Reis

Dank norwegischer Spenderinnen und Spender, Patenfamilien und Kinder, die Spielzeug, Kleider und Süßigkeiten mit gleichaltrigen Deutschen teilen wollten, kamen weiterhin regelmäßige Lieferungen aus dem Norden. Lebertran stand oben auf der Liste der gesandten Güter, aber auch Kondensmilch, Kakao, Leberpastete und sogar Schokolade. Zu besonderen Anlässen, wie etwa Weihnachten, gab es für alle Kinder besondere Geschenkpakete. An eines davon erinnert sich Helga Schöppenthau besonders gut: “Ich hatte das tollste Paket”, strahlt sie heute noch. Ein roter Pullover war darin. Und Puff-Reis.

Auch an die Gruppenausflüge denkt sie gern zurück, wie etwa zum Flughafen oder nach Trillup, in der Nähe von Hamburg. “Einmal waren wir dort zu Ostern und suchten Ostereier in selbstgebastelten Körbchen. Wir waren auch mehrmals über Nacht dort und schliefen in Zimmern mit Hochbetten. Abends vor dem Schlafengehen standen wir im Garten im Kreis und haben zusammen gesungen.”

Geborgenheit für Kinder

Viele der Kinder im Norwegenheim stammten aus schwierigen Familienverhältnissen, zerrissen und zerrüttet vom Krieg. Auch Helga Schöppenthaus Mutter hatte es nicht leicht. Sie arbeitete bei der Post; bei einem katholischen Vorgesetzten hatte sie mit ihrem unehelichen Kind einen schweren Stand. „Auch wenn ich ein Wunschkind war“, wie ihre Mutter immer wieder betonte. Im Norwegenheim habe sie davon nichts mitbekommen, sagt Schöppenthau. Da seien familiäre Hintergründe nie ein Thema gewesen. Die Kinder hier spürten die warme Atmosphäre, sagt Schöppenthau.

Im unteren Geschoss des Gebäudes wurde der Mittagsschlaf abgehalten, erinnert sie sich, als sie durch die Gänge führt. Inzwischen geht es dort lauter zu. Das ehemalige Norwegenheim ist heute ein Café und Kulturzentrum, ein multikultureller Treffpunkt für Jung und Alt. In den Räumlichkeiten gibt es Studentenfeiern, Hochzeiten, Fortbildungsseminare, Yoga-Stunden, Konzerte und Tanzveranstaltungen.

Die Geschichte des Hauses wird jedoch weiterhin in Ehren gehalten. Der symbolische Schlüssel, der zur Einweihung des Heims überreicht wurde, ziert heute eine Wand im Café. Eine Gedenktafel draußen beim Eingang erinnert an das Geschenk der norwegischen Helfer.

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