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Publisher Save the Children14.12.2020Corona

Ein bewegtes Jahr: Ein 107-Jähriger blickt auf 2020 zurück

Der 107-jährige Berliner Erich Karl ist kurz vor dem Ersten Weltkrieg geboren und hat die Herausforderungen der letzten 100 Jahre erlebt. Blickt er auf das Jahr 2020, so hat es ihm neue Erfahrungen und Möglichkeiten, aber auch Einsichten gebracht. Ein persönlicher Rückblick auf ein Jahr rund um Corona, Lockdown, Erinnerungskultur und mangelnde Wertschätzung.

Der 107-jährige Erich Karl blickt auf ein bewegtes 2020 zurück. © Dominic Nahr / Save the Children

Erich Karl wurde 1913, kurz vor dem Ausbruch des Ersten Weltkrieges, in Weimar geboren und hat somit von Kindesbeinen an die großen Krisen und Umbrüche der letzten 100 Jahre erlebt: Den Hunger und die Armut nach Kriegsende, die er als Kind mit Hilfe der damals gegründeten Organisation Save the Children überlebte, die Weimarer Republik, den Aufstieg des NS-Regimes als junger Mann und den Zweiten Weltkrieg, den er als Spezialist in der Nachrichtenabteilung für Telefon- und Funkverkehr überstand. Auf die Folgen des Krieges zwischen Trümmern, Flüchtlingen, Hunger und Kältewintern kann der heutige Berliner genauso zurückblicken wie auf den Wiederaufbau, die Teilung Deutschlands, das Leben in der DDR und den Fall der Mauer.

Durch Corona selbst im hohen Alter technisch auf der Höhe

Wie hat Erich Karl die schwierigen Situationen in seinem über 100-jährigen Leben gemeistert? Welchen Rat gibt er Anderen? Darauf hat er eine klare Antwort.

Im Prinzip bin ich der Meinung, erstmal kommen lassen. Dann können wir uns darüber aufregen, ob das nun berechtigt war oder nicht.

Erich Karl, 107 Jahre

Blickt er auf das Jahr 2020 zurück, muss er eingestehen: "Also solche Situationen hatte ich allerdings noch nicht, wie es jetzt derzeitig ist mit der Corona Pandemie. Diese Einschränkungen des Lebens, sagen wir mal so, die hatte ich also absolut noch nicht."

Die Zeit des Lockdowns hat den 107-Jährigen dazu gebracht, einen neuen Computer anzuschaffen – damit ihm nicht langweilig wird und er den Kontakt zur Außenwelt behält. Das hohe Alter hat ihn noch nie vor Neuem zurückschrecken lassen: Seinen ersten PC hatte er sich erst vor etwa zehn Jahren zugelegt. Von seiner Seniorenwohnung in Berlin-Köpenick aus verfolgt Erich Karl interessiert, aber auch etwas verwundert das Weltgeschehen.

Der Eindruck: Erinnerungen nicht gewünscht

In der heutigen Gesellschaft vermisst Erich Karl eine Erinnerungskultur, die Wertschätzung des Wohlstands und Solidarität mit den Schwächeren.

Ich habe den Eindruck, die leben nur und was in der Vergangenheit war, spielt keine Rolle. Die Leute leben, möchten viel Geld verdienen, das ist logisch. Urlaub machen mit allen Finessen. Das sollen die Menschen haben, da habe ich wahrhaftig nichts dagegen. Bloß andererseits sollen sie auch daran denken, dass es Menschen gibt, denen es bedeutend schlechter geht.

Erich Karl, 107 Jahre

Dabei hält er das Interesse an Geschichte und Politik für sehr wichtig, schon aus eigener Erfahrung. Denn er selbst und seine Geschwister wurden als politische Analphabeten erzogen: "Unsere Eltern sagten: Kümmert euch bloß nicht um Politik, das bringt gar nichts!" So hätten seine Eltern sich selbst um die Möglichkeit gebracht zu verstehen, was passiert, wie er glaubt. Umso wichtiger ist ihm heute, jeden Abend die Nachrichten im Fernsehen zu verfolgen.

Von seiner Berliner Seniorenresidenz aus blickt er auf eine Flüchtlingsunterkunft und hat dazu trotz aller Bedenken aus seinem Umfeld eine ganz klare Meinung: "Das sind erstmal Menschen so wie wir. Und dass die ihre Heimat verlassen, ist wahrscheinlich nicht auf eine freiwillige Art. Und ich habe ja gesehen und gemerkt, was einem Menschen entgehen kann: Wenn sie keine Arbeit haben, kein richtiges Auskommen haben, sie nicht ihre Angehörigen versorgen können, wie das so normal der Fall ist."

2020 trotz allem besonders

Erich Karl im Gespräch mit Martina Dase. © Stephanie von Becker

Obwohl Erich Karl in seinem langen Leben schon so viel erlebt hat, ist 2020 doch ein besonderes Jahr für ihn. Der 107-Jährige ist plötzlich ein Mann, über den Radio, Fernsehen und Zeitungen berichten, denn das Buch 'Ich lebe. Wie Kinder Kriege überleben. Ein Jahrhundertporträt.' ist erschienen. Es stellt ihn und weitere neun Menschen vor, die Konflikte der letzten 100 Jahre als Kind überlebt haben, sowie ein Rohingya-Baby, das für die Hoffnung der kommenden Generationen steht. Alle Überlebende haben gemeinsam, dass sie nicht als Opfer, sondern als selbstbewusste Menschen dargestellt werden, die gestärkt aus dem Erlebten hervorgegangen sind. 'Ich lebe' ist ein Buch, das Mut macht.

Das entspricht ganz der Einstellung von Erich Karl. 

Trübsal blasen bringt nichts. Man braucht Optimismus, denn man muss mit den Dingen leben, die man sowieso nicht verändern kann. Also, was soll’s. Gar nicht groß drüber nachdenken.

Erich Karl, 107 Jahre

Buch 'Ich lebe' ab sofort erhältlich

Das Buch 'Ich lebe' ist im Kerber Verlag erschienen und ab sofort in deutscher und englischer Sprache im Handel erhältlich. 
ISBN 978-3-7356-0632-7

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