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Publisher Save the Children05.07.2019Blog

Miss Stevenson, der Schäferhund und die Kinder in Uelzen

Das niedersächsische Uelzen ist bekannt für seinen Hundertwasser-Bahnhof. Für ältere Menschen in Deutschland steht die Stadt aber auch für ein Stück Nachkriegsgeschichte.

Im verkehrsgünstig gelegenen Uelzen entstand nach 1945 ein Auffanglager für Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemals deutschen Ostgebieten, der sowjetisch besetzten Zone und später der DDR. Im sogenannten Bohldammlager wurden bis 1963 hunderttausende Männer, Frauen und Kinder verpflegt, eingekleidet und an andere Wohnorte weitergeleitet.

Hilfe nach dem II. Weltkrieg

Um die Kinderbetreuung kümmerten sich mehrere Hilfsorganisationen, darunter ab 1946 Save the Children. Prägend war vor allem eine Frau: Bridget Stevenson. Die 1907 im kolonialen Indien geborene Tochter eines britischen Offiziers leitete von 1949 bis 1960 den Einsatz der Kinderrechtsorganisation in Uelzen. Viele erinnern sich bis heute an ihre energische, aber freundliche Art, ihren bevorzugten Kleidungsstil aus strengem Rock und Uniform-Jacke und nicht zuletzt an ihren Schäferhund „Lucky“.

Zeitzeugen erinnern sich

„Sie war eine Erscheinung“, berichtet die 88-jährige Hannelore Halberstadt aus Winsen/Aller, deren Mann Helmut Halberstadt eine Zeit lang Pastor im Bohldammlager war. Auch die Uelzenerin Christine Haupt erinnert sich trotz ihrer 99 Jahre noch sehr gut an Stevenson. „Miss Stevenson ging bei meinen Eltern ein und aus“, erzählt Haupt, die eine englische Mutter hatte. Auf Konventionen legte die unverheiratete, kinderlose Stevenson großen Wert: „Sie bestand darauf, ‚Miss‘ genannt zu werden“, sagt Christine Haupt.

Im Bohldammlager kümmerte sich Stevenson um die Kleiderkammer und organisierte Ausflüge für Kinder ans Meer, in die Umgebung und sogar nach England. Sie schloss in ihre Hilfen auch Uelzener Kinder mit ein, wenn Kleiderspenden übrig waren oder ein Platz im Ferienlager frei war. Wegen ihres Schäferhundes kannten alle Kinder rund um die Luisenstraße, wo sich damals das Büro von Save the Children befand, Miss Stevenson. „Lucky“ war immer dabei, sogar beim Besuch von Lady Mountbatten, der Vizekönigin von Indien, die sich in Uelzen ein Bild von Stevensons Arbeit machte.

Als kleines Mädchen traf auch Sabine Wegener den adligen Besuch aus Großbritannien. Ein Foto von damals, um 1955, zeigt sie vor Lady Mountbatten stehend. Wegener wurde 1951 in Uelzen geboren, ihre Eltern und ihre Großmutter arbeiteten für Bridget Stevenson und machten die Britin zu Sabines Patentante. „Als ich zwei Jahre alt war, zogen wir nach Hamburg“, sagt Wegener. „Aber meine Oma wohnte noch in Uelzen, wir besuchten sie jedes Wochenende.“ So baute Wegener einen engen Kontakt zu Stevenson auf.

Von Deutschland nach Marokko

Als junge Frau besuchte sie 1975 ihre Patentante in Marokko, Stevenson leitete dort seit dem Erdbeben von Agadir 1960 den Einsatz von Save the Children. „Miss Stevenson schrieb mir und fragte, ob ich Lust hätte, eine Working Holiday in Marokko zu verbringen“, sagt Sabine Wegener. „Sie schrieb mir: ‚Aber nur, wenn Du Dich nicht verliebst‘“.

Wegener, die zu der Zeit bereits ausgebildete Erzieherin war und eine Hauswirtschaftsschule besuchte, zog los. Nach vier Wochen Arbeitseinsatz kehrte sie nach Hause zurück – aber nur, um ihre Sachen zu packen und erneut nach Marokko zu reisen. 14 Monate lang arbeitete sie für Save the Children: Auf einer Säuglingsstation in Agadir, in einem Blindenheim in Taroudant und in einem Behindertenheim in Khemisset. Auch ein Patenkind hatte sie. „Die Zeit hat mein Leben verändert. Was ich dort erlebt habe, hat mich sehr geprägt“, sagt sie rückblickend.  

Auch Christine Haupt besuchte Stevenson in Marokko. Aus dem Urlaub entstand eine langjährige Patenschaft für einen jungen Marokkaner, der Christine Haupt sogar mehrere Male in Uelzen besuchte. Vermittelt wurde der Kontakt durch Bridget Stevenson.

Verdienstorden Erster Klasse für den "Engel von Uelzen"

Für ihr humanitäres Engagement wurde Stevenson in den britischen Adelsstand erhoben. 1963 erhielt „Dame Bridget Stevenson“ den höchsten Orden der Bundesrepublik Deutschland, den Verdienstorden Erster Klasse. Im selben Jahr wurde das Bohldammlager geschlossen. 1985 starb Bridget Stevenson. Aber die Erinnerung an den „Engel von Uelzen“ ist geblieben.


Zur Autorin: Susanne Sawadogo ist Media Managerin bei Save the Children Deutschland e.V. und koordiniert im Zuge des 100-jährigen Jubiläums die Zeitzeugensuche

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