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Publisher Save the Children24.07.2019Blog

Blog: Die hungernden Kinder von Berlin

Kinder in Not – das Thema begleitet uns bei Save the Children jeden Tag. Save the Children hilft Kindern in Konfliktgebieten, nach Naturkatastrophen oder nach Fluchterfahrungen und in den meisten Fällen leben diese Kinder sehr weit weg von uns. Dass auch in Deutschland Millionen von Kindern in größter Not waren und nichts zu Essen oder zum Anziehen hatten, wurde mir in unserem 100. Jubiläumsjahr auf ganz persönliche Weise vor Augen geführt: durch Gespräche mit Zeitzeugen.

Quäkerspeisung 1920 ©UISE

Mit einem Zeitzeugenaufruf machten wir uns im Frühjahr auf die Suche nach Menschen, die nach dem Ersten oder Zweiten Weltkrieg in Deutschland mit Save the Children in Berührung gekommen waren. Gespannt warteten wir darauf, ob sich sogar über 100-Jährige melden würden. In Deutschland hatte vor 100 Jahren die Arbeit von Save the Children begonnen –was wäre schöner, als die ersten Hilfeempfänger persönlich kennenzulernen?

Bewegende Zeitzeugengespräche

Das Telefon in unserer Berliner Geschäftsstelle klingelte immer häufiger, je mehr Medien über unseren Aufruf berichteten. Zwar meldete sich kein Überlebender des Ersten Weltkriegs, aber dafür umso mehr 70- bis 90-Jährige, bei denen unser Zeitzeugenaufruf Erinnerungen wachgerufen hatte und die Freude daran hatten, ihre Geschichten zu teilen.

Eine von ihnen war Evelyne Brix. Die 1932 geborene Berlinerin nahm als 13-Jährige an der „Schwedenspeisung“ teil. So hieß die Kinderspeisung, die das Schwedische Rote Kreuz und Rädda Barnen, die schwedischen Schwesterorganisation von Save the Children, nach dem Zweiten Weltkrieg in mehreren deutschen Städten organisierte.

Evelyne Brix

Es gab eine wunderbare Nudelsuppe mit guter Brühe und Fleisch und ein Butterbrötchen mit Kakao. Das war jedes Mal wie ein kleines Fest.

Evelyne Brix

Sie sei „den Schweden heute noch dankbar“, sagte Brix. Es sei ja nicht selbstverständlich gewesen, „ausgerechnet den Deutschen“ zu helfen. „Obwohl die Kinder ja nichts dafürkonnten“, fügt sie hinzu. Dieser Satz könnte von Eglantyne Jebb stammen, der Gründerin von Save the Children. Die Engländerin setzte sich nach dem Ersten Weltkrieg dafür ein, dass Kinder ungeachtet ihrer Herkunft Hilfe erhalten. Sie sammelte Spenden für die Kinder der früheren Kriegsgegner Deutschland und Österreich. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte Save the Children nach Deutschland zurück, ungeachtet der Verantwortung der Deutschen für die Gräueltaten der NS-Zeit. Denn es waren wieder die Kinder, die am meisten litten.

Lange weiße Strümpfe

Auch die 1945 geborene Gisela Lehnert meldete sich bei uns, nachdem sie über unseren Zeitzeugenaufruf in der Zeitung gelesen hatte, und berichtete von ihren Erinnerungen an die Schwedenspeisung 1949 in Berlin-Marienfelde. „An das Essen erinnere ich mich nur noch ganz dunkel“, erzählte sie. Etwas anderes hatte sich in ihr Gedächtnis eingebrannt: die langen Strümpfe in Weiß, die sie aus einer Kleiderspende aus Schweden bekam. "Damals trug bei uns jedes Kind lange braune Strümpfe zum Leibchen. Aber die Strümpfe, die ich bekam, waren weiß. Meine Mutter fand sie sehr schön, ich aber nicht. Die weißen langen Strümpfe waren mir peinlich."

Auch für die Essensausgabe hatte Gisela Lehnert nur wenig übrig: „Ich sehe mich noch vor einem großen Teller sitzen, es gab eine dicke Suppe. Ich sollte alles aufessen, das musste ich zu Hause nicht, ich habe nie viel gegessen. Meine Mutter erzählte mir später, sie saß draußen mit knurrendem Magen, während ich drinnen saß und die Suppe nicht aufaß.“

Dagmar Wendorff, Jahrgang 1941, wurde 1946 in Berlin-Lichtenberg in einer alten Molkerei mit einer warmen Mahlzeit und Lebertran aufgepäppelt. Der Lebertran sei „furchtbar“ gewesen.

Dagmar Wendorff

Die Eltern mussten draußen warten. Dann hieß es: Mund auf, Nase zu, Lebertran rein. Es gab außerdem jeden Tag eine andere Suppe. Und Trockenkartoffeln.

Dagmar Wendorff

Nichts an der aktiven Seniorin lässt heute darauf schließen, dass sie als kleines Mädchen an Rachitis (Knochenerkrankung) erkrankt war und Hunger litt.

Geschichten wie diese zeigen, welche langfristigen Folgen es hat, wenn Kinder Hilfe bekommen. Schon Eglantyne Jebb wusste das: 1920 sagte sie nach einer Reise nach Deutschland: „Obwohl die meisten der Kinder schon graue Gesichter haben, körperlich unterentwickelt sind und gleichzeitig früh gealtert wirken, obwohl viele von ihnen an Hautkrankheiten und an Tuberkulose leiden, haben wir den Eindruck, dass die kindliche Fähigkeit zur Erholung so groß ist, dass es noch nicht zu spät ist für wirksame Hilfsmaßnahmen.“ 

Darum setzen wir uns weiterhin dafür ein, dass Kinder weltweit geschützt werden und forden einmal mehr: Kein Krieg gegen Kinder!


Zur Autorin: Susanne Sawadogo ist Media Managerin bei Save the Children Deutschland e.V. und koordiniert im Zuge des 100-jährigen Jubiläums die Zeitzeugensuche

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